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Wir tun uns schwer damit, eine verallgemeinernde Schlussfolgerung anzuwenden, um eine These zu bilden, diese jedoch nicht zu vermengen mit einem Pauschalurteil.
Wir tun uns schwer damit, eine verallgemeinernde Schlussfolgerung anzuwenden, um eine These zu bilden, diese jedoch nicht zu vermengen mit einem Pauschalurteil.

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Verallgemeinernde Schlussfolgerung versus Pauschalurteil

15 Min.

Wir haben Schwierigkeiten, eine verallgemeinernde Schlussfolgerung/These zu formulieren, ohne sie mit einem Pauschalurteil zu verwechseln. Und welche Schwierigkeiten erwarten uns, wenn wir aus Einzelfallbeobachtungen eine verallgemeinernde Schlussfolgerung ziehen wollen?

Im ersten Teil haben wir uns mit der Relevanz einer Debatten- und Streitkultur gerade bei großen und komplexen Themen beschäftigt.

In diesem Beitrag werde ich mich auf menschliche Interaktionen und die Schnittstelle zwischen einer verallgemeinernden Schlussfolgerung und der Betrachtung des Einzelfalls konzentrieren. Denn viele von uns haben große Schwierigkeiten, eine verallgemeinernde Schlussfolgerung zu formulieren. Stattdessen wird ein ungerechtes Pauschalurteil über einen Einzelfall gefällt.

Eine verallgemeinernde Schlussfolgerung ist eine logische Fähigkeit

Bei einer verallgemeinernden Schlussfolgerung wird versucht, aus Einzelbeobachtungen eine Gesetzmäßigkeit/ein Muster abzuleiten.

Bei einem Pauschalurteil hingegen urteilt man über einen Einzelfall nach einem Schema, das man im Kopf hat, und gibt der Person das Gefühl, abgewertet zu werden.

Verallgemeinernde Schlussfolgerung: Hand mit Lupe analysiert zwei Männer aus einer anonymen Menge

Während Verallgemeinerungen eine logische Fähigkeit darstellen, die Ihnen hilft, die komplexe Welt besser zu verstehen und sich in ihr zurechtzufinden, führen Ihre Pauschalurteile eher dazu, dass andere Ihnen an die Gurgel springen wollen.

Die korrekte Anwendung einer verallgemeinernden Schlussfolgerung kann z. B. folgendermaßen aussehen

  • Sie beobachten bei einer repräsentativen Stichprobe aus einer Grundgesamtheit das Muster A. Daraus schließen Sie: Also werde ich auch in der Grundgesamtheit das Muster A finden. Die Grundgesamtheit ist die Menge aller Objekte, über die Sie eine Aussage machen wollen.
  • Und mit Ihrer Wortwahl teilen Sie anderen mit, wie Sie zu dieser Schlussfolgerung gekommen sind und für wie wahrscheinlich Sie diese Prognose halten. Sie tun dies, weil Sie Ihr Gegenüber von Ihrer Argumentation überzeugen wollen.

Bei einer verallgemeinernden Schlussfolgerung geht es also nicht darum, Abweichungen von Ihrer These zu identifizieren, zu brandmarken oder zu eliminieren. Vielmehr geht es darum, dem Objekt Werte zuzuschreiben, die helfen sollen, vorherzusagen, was von dem Objekt in Zukunft wahrscheinlich zu erwarten ist. Oder um eine These zu formulieren, wie man in Zukunft Probleme lösen könnte, die man im Zusammenhang mit dem Objekt immer wieder beobachten kann.

Die Eigenschaften, die Sie dem Objekt zuschreiben, können sich im konkreten Fall bestätigen – oder auch nicht!

Nehmen wir zum Beispiel an, Sie glauben, folgendes Muster erkannt zu haben: „Große amerikanische Männer mit athletischem Körperbau, die eine Eliteuniversität besuchen, haben die besten Chancen, später einen Vorstandsposten zu besetzen“.

  • Sie treffen John Doe: Er ist Amerikaner, hat eine Eliteuniversität besucht und ist jetzt Vorstandsmitglied eines Weltkonzerns. Er ist 165 cm groß und unsportlich. Er bestätigt vier der sechs Elemente Ihrer These.

Als Familienmitglied von John betrachten Sie das Objekt „John Doe“ und haben ebenfalls eine These, welches Verhalten Sie für „typisch John“ halten.

  • Das Verhalten von John entsprach am letzten Samstag Ihrer These. Und am nächsten Tag um 16 Uhr nicht.

So weit, so gut, so einfach. Oder doch nicht? Denn wenn es so einfach und klar wäre, dann würden wir alle nicht seit Jahren in öffentlichen Diskussionen erleben, dass sich jemand

  • persönlich und beleidigend über eine ihm unbekannte Person äußert.
  • persönlich beleidigt fühlt durch die Aussagen einer Person, die ihn gar nicht kennt und deren Aussage für ihn deshalb auch keine persönliche Relevanz haben muss.

Was passiert also?

Ein Vorurteil verpackt als eine verallgemeinernde Schlussfolgerung?

Im Falle einer zutreffenden verallgemeinernden Schlussfolgerung hat der Sprecher bereits selbst Faktoren in Betracht gezogen, wie z. B:

  • Wie groß und repräsentativ ist die zugrundeliegende Stichprobe für eine Aussage über die Grundgesamtheit?
  • Wie relevant sind die vorgetragenen Prämissen für das Argument und wie wahrscheinlich ist es, dass sie zutreffen?
  • Begründen die Prämissen tatsächlich die Schlussfolgerung? Sind auf der Grundlage dieser Prämissen auch andere Schlussfolgerungen möglich?

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Wenn ich diese Kriterien als Maßstab anlege, muss ich nüchtern feststellen: Ein Großteil der Thesen, die in der Gesellschaft im Allgemeinen und auf Social Media Plattformen (SoMe) im Besonderen kursieren, sind keine Allgemeinschüsse, sondern nur unfundierte Meinungen und Vorurteile. Sie wurden irgendwo aufgeschnappt, als gegeben hingenommen und dann weiterverbreitet.

Eine verallgemeinernde Schlussfolgerung ist keine wahre Aussage

Ich hoffe, dass ich Sie im letzten Beitrag (Fehlende Debatten […]) dafür sensibilisieren konnte: Wenn wir mit unserer Argumentation einen Blick in die Zukunft werfen wollen, dann betrachten wir nur Eintrittswahrscheinlichkeiten – niemals Fakten oder Wahrheiten. Und die Folgen des Eintritts spielen sich in Bandbreiten ab. Es gilt:

Auch mit dem stärksten und überzeugendsten Argument kann es passieren, dass wir später ein Ergebnis erhalten, das außerhalb des erhofften und für uns akzeptablen Bereichs liegt – d.h. das Argument stellt sich als falsch heraus!

Wer öffentliche Diskussionen unter diesem Aspekt aufmerksam verfolgt, wird feststellen, dass die Beteiligten nicht selten so tun, als sprächen sie über absolute Wahrheiten.

Wenn sich eine solche innere Haltung bei Ihnen (unbewusst) einstellt, werden Sie keinen Widerspruch zulassen können, denn es gibt keine Ausnahmen von einer absoluten Wahrheit. Diese vermeintlich wahren und allgemeingültigen Aussagen dienen letztlich nur dazu, Pauschalurteile zu rechtfertigen und Abweichler zu identifizieren und an den Pranger zu stellen.

Wenn also viele Menschen öffentlich ihre Thesen über Männer/Frauen, Babyboomer/Y-Generation, Russen/Ukrainer, Geimpfte/Ungeimpfte, … austauschen, dann beschreiben sie kein Muster, sondern brechen – vielleicht unbewusst – den Stab über alle Individuen der Grundgesamtheit. Ohne Ausnahme!

Weiterführende Lektüre:

Im Beitrag Personalentwicklung: Karriere von Frauen erläutere ich, warum die Unterscheidung “Mann/Frau” aus meiner Sicht keine praktische Relevanz für den betrieblichen Alltag hat.

Wenn Sie sich als Teil des Diskussionsgegenstandes sehen und sich von der Argumentation Ihres Gesprächspartners persönlich angesprochen fühlen, kann das daran liegen, dass Ihr Gesprächspartner das auch so gemeint hat. Oder weil Sie selbst eine verallgemeinernde Schlussfolgerung gezogen haben, dass es sehr wahrscheinlich ist, dass Ihr Gegenüber mit seiner Aussage alle – also auch Sie persönlich – meint.

Und weil das so ist, haben wir zu Recht Begriffe wie „Vorurteil“, „Rassismus“ oder „Sexismus“ in unseren Sprachgebrauch eingeführt.

Plakativ ausgedrückt: Wenn jemand seinerzeit während des Covid-Ausbruchs den chinesischen Restaurantbesitzern in seinem Ort „die Leviten gelesen“ hat und heute Menschen nur deshalb frontal angreift, weil sie russischer Herkunft sind, dann sind die Indizien klar dafür, dass sein Denken und Handeln rassistisch motiviert ist.

Daran ändert sich auch nichts, wenn er für seine Äußerungen und Handlungen von seinen „Fans“ viel Lob erhält und das Gefühl hat, aus einer moralisch überlegenen Position heraus zu handeln. Mehr zu diesem Phänomen weiter unten.

In der Regel ist jedoch nicht ohne weiteres erkennbar, ob eine Person ein erkanntes Muster aufgrund einer verallgemeinernden Schlussfolgerung anspricht oder

  • ob sie lediglich ihre Vorurteile zum Ausdruck bringt, wenn sie von „den Politikern“ spricht;
  • rassistisch ist, wenn sie von „den syrischen Flüchtlingen“ spricht oder
  • sexistisch ist, wenn sie sich über das Verhalten „alter weißer Männer“ äußert.

Tipp Nr. 1: Wenn Sie die Wahrscheinlichkeit erhöhen wollen, dass Ihr Adressat Ihre Aussage als eine echte verallgemeinernde Schlussfolgerung auffasst, dann nehmen Sie sich die Zeit, um vernünftig zu argumentieren und zu formulieren!

Besonders heikel ist die Problematik auf der SoMe. Denn

  1. es lesen und kommentieren Menschen Ihre Aussagen, die weder Ihren Werdegang noch Ihren Sinn für Humor kennen und einschätzen können und
  2. Ihre Texte mit einer erschreckend kurzen Aufmerksamkeitsspanne überfliegen.

Die Wahrscheinlichkeit, missverstanden zu werden, ist daher sehr hoch. Gerade bei Aussagen, die als sexistisch oder rassistisch interpretiert werden könnten, sollte man sich sehr genau überlegen, ob man sie auf SoMe postet.

Die Reaktion des Gegenübers berücksichtigen – und den eigenen Anteil daran erkennen

Eine weitere Auffälligkeit ist für mich, dass manche dazu neigen, sich grundsätzlich als Opfer einer problematischen Interaktion zu sehen und ihren eigenen Beitrag dazu nicht zu erkennen. Zur Verdeutlichung ein plakatives Beispiel:

Sie gehen in eine Kneipe, in der sich normalerweise die Mitglieder einer lokalen Gang treffen, um eine verallgemeinernde Schlussfolgerung vorzustellen und zu überprüfen. Sie beginnen: „Ich glaube erkannt zu haben, dass Menschen, die sich so kleiden und verhalten wie ihr, in der Regel unterbelichtet sind“.

Ja, es ist theoretisch möglich, dass einem die Anwesenden zurufen: „Spannende These! Wir haben gerade frischen Pfefferminztee gekocht. Trink mit und wir reden darüber“. Es ist möglich, dass sie die Polizei rufen, Anzeige erstatten und Ihnen Hausverbot erteilen. Möglich, ja, aber unwahrscheinlich! Wahrscheinlicher ist, dass man ordentlich verprügelt wird. Mit Ankündigung.

Dies vorausgeschickt, lohnt es sich, sich immer wieder daran zu erinnern: Wenn wir kommunizieren, dann deshalb, weil wir von anderen etwas wollen: Sie sollen etwas tun oder lassen.

Tipp Nr. 2: Bevor Sie eine verallgemeinernde Schlussfolgerung (auf SoMe) ziehen, lohnt es sich, einen Moment innezuhalten und sich zu fragen: Was will ich damit idealerweise erreichen? Ist meine Schlussfolgerung ausreichend begründet, um diese Wirkung zu erzielen?

Wenn Ihre Intention bei persönlich beleidigenden Posts auf SoMe ist: „Egal ob positiv oder negativ, Hauptsache andere schenken mir ihre Aufmerksamkeit und interagieren mit mir“, dann teilen Sie Ihre Pauschalurteile ruhig ordentlich aus! Eine bewährte Methode, um dieses Ziel zu erreichen.

Und das ist ein guter Übergang zu Situationen, in denen Sie sich als Adressat einer verallgemeinernden Schlussfolgerung persönlich angesprochen und betroffen fühlen. In diesem Fall hoffe ich, dass Sie sich ausreichend mit den vier Ebenen der Kommunikation auseinandergesetzt haben, um diese beurteilen zu können:

  • Welche Informationen erhalte ich über den Sender auf der Selbstoffenbarungsebene?
  • Welche Botschaft auf der Beziehungsebene löst bei mir gerade eine Reaktion aus?
    • Und was hat es mit dem Satz auf sich: “Was mich trifft, betrifft mich”?

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Ist ein Argument wahr, wenn 100 % der Adressaten es überzeugend finden?

Das subjektive Gefühl, einen wahren und edlen Standpunkt zu vertreten, wird erheblich verstärkt, wenn Sie von anderen viel Zustimmung zu Ihrer Meinung erhalten. Je mehr Zustimmung Sie erhalten, desto fundamentaler wird Ihre innere Einstellung zu Ihrer These und desto schwieriger wird es für Sie, diese selbstkritisch in Frage zu stellen.

Und typisch Mensch: Wir abonnieren Medien und umgeben uns mit Menschen, die uns in unserer Weltsicht argumentativ bestätigen, weil uns das gut tut. Um alle anderen machen wir einen großen Bogen. Wir halten höchstens kurz inne, um ihnen eine (hoffentlich nur) verbale Ohrfeige zu verpassen, und ziehen dann weiter.

Die Chance zu nutzen, eigene Denkmuster kritisch zu hinterfragen und nach Erkenntnisgewinn zu streben, ist sicher nicht jedermanns Sache.

Auch wenn eine Schlussfolgerung von allen als überzeugend empfunden wird, wird sie dadurch nicht „wahr“ und für alle verbindlich. Ich wiederhole die Aussage aus dem letzten Beitrag: Ob ein Argument überzeugend ist, entscheidet der Adressat für sich allein, denn er hat das Recht, das Argument als (für ihn) nicht überzeugend zurückzuweisen.

  • Alle Mobilfunkanbieter fanden damals die These überzeugend, dass Handys nur zum Telefonieren da sind. Der Computerhersteller Steve Jobs fand dieses Argument jedoch nicht überzeugend und beschloss, das iPhone auf den Markt zu bringen.
  • Alle Autohersteller waren sich einig, dass Elektroautos nicht mehrheitsfähig seien. Der Dotcom-Unternehmer Elon Musk fand das Argument nicht überzeugend und hat alle eines Besseren belehrt.

Überprüfung der Prämissen der eigenen verallgemeinernden Schlussfolgerung

Bei dem Prozess, von Einzelbeobachtungen auf dahinter liegende Gesetzmäßigkeiten zu schließen, werden wir mit typisch menschlichen Verhaltensmustern konfrontiert, die uns das Leben schwer machen.

Erstens: Wenn wir eine Hypothese im Kopf haben, neigen wir dazu, nur die Indizien zu berücksichtigen, die unsere Hypothese bestätigen. Indizien, die die Hypothese widerlegen würden, ignorieren wir geflissentlich.

Weiterführende Lektüre:

In meinem Beitrag „Ist konstruktiv und lösungsorientiert zu sein womöglich destruktiv?“ gehe ich auf diese Problematik und die Alternative dazu ein.

Viel spannender ist meines Erachtens aber folgendes: Zwei sich widersprechende Beobachtungen nebeneinander stehen zu lassen und die daraus resultierende Dissonanz auszuhalten, überfordert unser Gehirn wohl regelmäßig.

Am Beispiel unserer jetzigen Außenministerin Annalena Bärbock: Erst wurde sie öffentlich überwiegend zerrissen. Dann hat sie eine gute Rede gehalten und danach war immer öfter zu lesen: „Ich habe mich wohl geirrt, die kann doch was“. Und jetzt wird sie mehrheitlich öffentlich gelobt.

Ist sie fähig oder nicht? Wir hätten diese Entscheidung gerne absolut, schwarz ODER weiß. Denn diese Schlussfolgerung wollen wir als wahre Prämisse verwenden, um eine Aussage über die übergeordnete Gruppe „Politikerinnen / Grüne“ zu treffen. Und wenn wir hier zu einer eindeutigen, schwarzen oder weißen Schlussfolgerung gekommen sind, gehen wir weiter zur nächsten Gruppe „Politiker/Grüne insgesamt“.

Wir möchten, dass diese logische Reihe wie aus einem Guss ist. Widersprüche ertragen wir nicht. Deshalb relativieren und interpretieren wir alles, was nicht in unsere Argumentationskette passt – so lange, bis alles passt.

Mit anderen Worten: Mit dem Satz „Ich habe mich wohl geirrt“ fangen unsere Probleme an. Denn das ist Schwarz-Weiß-Denken.

Doch die Wirklichkeit gibt sich mit solch banalen Schubladen nicht zufrieden: Sie, ich, Annalena Bärbock und jeder andere Mensch auf diesem Planeten kann sich heute sehr dumm UND morgen genial und vorbildlich UND übermorgen wieder ganz anders verhalten.

Mann hält mehrere Masken, die unterschiedliche seiner emotionalen Zustände  zeigen

Wenn Sie für sich die Entscheidung treffen wollen, ob Sie sie wählen sollten, dann müssen Sie halt eine verallgemeinernde Schlussfolgerung über das Objekt „Politikerin Annalena Bärbock“ treffen. Ihre These lautet dann: „Sie wird meine Interessen mit großer Wahrscheinlichkeit (nicht) gut vertreten. Deshalb wähle ich sie (nicht)“. Ihre These wird sich später als wahr oder falsch herausstellen. Und damit schließt sich wieder der Kreis zum bisher Gesagten.

Tipp Nr. 3: Seien Sie sich bitte bewusst, dass Sie keine wahre Aussage über ein Individuum machen können. Sie können nur Muster erkennen, die aus Ihrer Sicht überwiegend wahrscheinlich auch in Zukunft zu erwarten sind. Wenn Sie sich dessen bewusst sind, wird es Ihnen wesentlich leichter fallen, Ausnahmen von Ihrer Regel zu akzeptieren und auszuhalten.

Dürfen Einzelfälle miteinander verrechnet und addiert werden?

Ich bin mir nicht sicher, ob die drei abrahamitischen Religionen mit ihrer alttestamentarischen Aussage „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ der Menschheit einen Bärendienst erwiesen und sie für die Ewigkeit geprägt haben, oder ob sie nur niedergeschrieben haben, was wir Menschen eben so tun.

Denn damit einher geht ein weiteres spannendes menschliches Phänomen, das sich bei der Bildung von Schlussfolgerungen destruktiv bemerkbar macht: Wir „addieren“ Einzelfälle mit vermeintlich unterschiedlichen Vorzeichen, wenn es um die Beurteilung von Interaktionen zwischen Menschen geht! Was ich damit meine, möchte ich an einem extremen Beispiel verdeutlichen:

Nehmen wir hypothetisch an, Sie töten jemanden, der nachweislich ein Familienmitglied getötet hat.

Tief in vielen von uns gibt es eine Stimme in uns, die diesen Prozess für „logisch und verständlich“ hält. Mit anderen Worten: Ein negativer Mord kann durch einen “positiven” Mord “gesühnt” werden.

Wer sich aufmerksam umschaut, wird leicht feststellen, dass gerade bei großen und komplexen Themen die argumentative „Verrechnung“ zum guten Ton gehört. Zum Beispiel durch die Verwendung eines Scheinarguments „whataboutism“. Diese ständigen Aufrechnungen sind logische Fehlschlüsse, die uns daran hindern, zu einer Einigung zu kommen, weil es in einem komplexen Umfeld immer ein Gegenbeispiel für die Aufrechnung gibt.

Tipp Nr. 4: Lassen Sie sich niemals auf Rechenspiele ein, denn dann haben Sie schon verloren. Wenn Ihnen, um das obige Extrembeispiel aufzugreifen, jemand „Auge um Auge“ die Rechnung -1 +1 = 0 serviert, weisen Sie darauf hin, dass hier nicht null, sondern zwei Morde geschehen sind! Jede Tötungsentscheidung ist unter den gegebenen Prämissen einzeln zu bewerten.

Davon zu unterscheiden ist folgender Fall: Wenn Sie eine These aufstellen und dabei Ihre Prämissen offenlegen, kann die Gegenseite natürlich weitere Prämissen einführen, die Sie bewusst außer Acht gelassen haben, weil sie Ihr Argument schwächen könnten. Dann ist es an der Gegenseite zu zeigen, wie die neuen Prämissen die Stärke Ihres Arguments beeinflussen – und dann ist es wieder an Ihnen, gegebenenfalls zu zeigen, dass sie es nicht tun. Mit anderen Worten: Sie führen eine Debatte.

Die Bedeutung des Kontextes

Ein aktuelles Beispiel für die obige Aufrechnungsproblematik ist im Zusammenhang mit der russischen Invasion zu beobachten. Szenario: Zwei unterhalten sich über die Invasion und eine Partei sagt sinngemäß: „Natürlich muss man erwähnen, dass auch die Ukraine keine weiße Weste hat. Aber das soll nicht heißen, dass ich deswegen den Krieg verteidigen oder relativieren will“.

Doch, genau das ist gemeint! Denn hier wird argumentativ „gegengerechnet“.

Die zugrunde liegende sprachliche Prämisse lautet: Wenn der Sprecher die Aussage „Natürlich hat auch die Ukraine keine weiße Weste“ zeitlich und kontextuell zusammenhängend präsentiert, dann nur deshalb, weil er möchte, dass der Hörer sie als Kontextinformation aufnimmt und berücksichtigt.

Der Kontext ist deshalb eine wichtige Komponente, weil viele Prämissen eines Arguments nur implizit genannt werden. Der Sprecher geht davon aus, dass diese oder jene Prämisse aufgrund kultureller und anderer Rahmenbedingungen hinreichend klar sein sollte.

Wenn ein junger Mann eine unbekannte junge Frau zum Essen einlädt und sie die Einladung annimmt, sollte die Prämisse „Wir haben ein Date“ für die Beteiligten auch unausgesprochen klar sein. Ob seine Schlussfolgerung „nach der Verabredung darf ich sie küssen“ für sie stark und überzeugend ist, sei dahingestellt. Wenn die junge Frau jedoch sagt: „Wie kommst du darauf, dass wir ein Date hatten? Das habe ich nie gesagt. Ich dachte, wir gehen nur so essen“, dann argumentiert sie – unter Berücksichtigung des Kontextes – unlogisch.

Die Bedeutung der Wortwahl

Wie Sie sehen, spielt die Sprache eine sehr wichtige Rolle. Die Worte, mit denen Sie Ihre Schlussfolgerung formulieren, haben einen großen Einfluss auf die Stärke Ihres Arguments. Wenn Ihnen das Thema also wichtig ist, sollten Sie bei der Wortwahl sehr sorgfältig vorgehen.

Ob in der Politik oder in Unternehmen, wenn wir z. B. davon sprechen, dass wir mehrheitlich und demokratisch eine Lösung verabschieden und diese dann umsetzen wollen, dann schwingt zwischen den Zeilen durch die Verwendung des Wortes „die Lösung“ mit, dass die Minderheit unrecht hatte und zu Recht verloren hat. Es schwingt zwischen den Zeilen mit, dass sich die Mehrheit mit ihrer Wahrheit zu Recht durchgesetzt hat.

Eine Wahrheit, die ab heute in Stein gemeißelt sein wird! Denn wie oft haben Sie schon beobachtet, wie wahrscheinlich es ist, dass die Entscheidungsträger freiwillig und ohne Druck von anderen sagen: “Sorry! Unsere Lösung hat sich als falsch erwiesen. Wir brechen den Prozess ab”.

Tipp Nr. 5: Ersetzen Sie den Satz

  • Wir beschließen eine Lösung und setzen sie dann um

durch den Satz

  • Wir stellen eine Hypothese über eine mögliche Lösung auf und überprüfen sie dann“.

Und meinen Sie es auch so!

Sie werden feststellen, dass Sie dann viel mehr Menschen dafür gewinnen können, den Weg mit Ihnen gemeinsam zu gehen. Denn jetzt strahlen Sie Lernwilligkeit aus, weil Sie sich bewusst sind, dass Sie nur eine These verfolgen.

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Kommentare

6 Kommentare zu „Verallgemeinernde Schlussfolgerung versus Pauschalurteil“

  1. An sich ist das Wiederholung von dem, was Du in Deinem Beitrag sagst.

    Meine Aussage:

    Denn auch wenn jemand eindeutig im Unrecht ist, heißt es nicht zwangsläufig und automatisch, dass der andere Recht hat.

    will absolut nichts schwächen, sondern die Verblendung vermeiden.

    Ein Mörder ist ein Mörder, ja.

    Wenn aber dann auf der anderen Seite eine Art Verherrlichung und Idealisierung des Ermordeten geschieht (obwohl dieser z.B. seine Kinder verprügelte) beginnt diese Verblendung langfristig ungesund zu werden und kann m. E. sogar gefährlich werden.

    1. Ich habe wohl noch nicht die richtigen Worte gefunden, um meinen Punkt zu verdeutlichen. Neuer Ansatz, indem ich Deinen letzten Satz umformuliere:

      Eine Verherrlichung und Idealisierung eines Ermordeten (obwohl dieser z.B. seine Kinder verprügelte) ist eine Verblendung, die langfristig ungesund ist und sogar gefährlich werden kann.

      Das wäre in der Tat ein für sich stehendes Argument, das man durchaus ernst nehmen und diskutieren kann, indem man die Prämissen kritisch anschaut, etc. Der Punkt ist jedoch: Spätestens dann, wenn dieses Argument mit “Wenn aber dann auf der anderen Seite …” beginnt, dann ist es nicht mehr ein alleinstehendes Argument, sondern wird dadurch zwangsläufig zu einem Gegenargument. Wie im Text beschrieben, sogar ohne diese Einleitung wird es allein aufgrund des Kontextes der Kommunikation zu einem Gegenargument.

      Wenn die Person das separate Argument tatsächlich ernst meint und der Meinung ist, dass es nicht warten kann/sollte, um eine Verrechnungsmutmaßung zu vermeiden, dann sollte sie es als ein echtes Argument behandeln und sich umso mehr Mühe geben, es überzeugend zu präsentieren. Sprich, nicht eine oberflächliche und vage Aussage a la “keine reine Weste” in den Ring schmeißen, sondern die Prämissen für diese Schlussfolgerung explizit darlegen.

      Und mit Verweis auf die Passage “Die Reaktion des Gegenübers berücksichtigen …” gilt außerdem: Für eine Person, die das wahrhaftig getrennt sieht, wäre das Timing eines solchen Arguments denkbar ungünstig gewählt, weil sie davon ausgehen muss, dass es kontextuell als ein Gegenargument wahrgenommen werden wird und sie mit entsprechend negativen Reaktionen darauf rechnen muss. Getreu dem Motto: sie hat wohl die emotionale Intelligenz eines Bulldozers.

  2. Dankeschön für diesen Artikel, der zum Nachdenken gibt.

    Diese Aussage von Dir finde ich für mich persönlich wichtig:

    „Das subjektive Gefühl, dass Sie eine wahre und edle Ansicht vertreten, wird signifikant verstärkt, wenn Sie von anderen viel Zustimmung für Ihre Ansicht erhalten. […] Die dargebotene Chance wahrzunehmen, um eigene Denkmuster kritisch zu hinterfragen und nach Erkenntnisgewinn zu streben, ist wahrlich nicht jedermanns Sache.“

    Gerade in diesen Zeiten sind Menschen wir verblendet. Ich verstehe, dass Emotionen Menschen leicht verdummen lassen, es kann aber auch sein, dass manche von ihnen ihre eigentlichen Ansichten, ihr wahres Gesicht erst in diesen Zeiten offenbaren, was sie früher noch gut verbergen konnten.

    Was denkst Du?

    1. Danke Valentina für die gute Frage. Wenn es darum ginge, dass Du und ich uns privat zusammensetzen und unsere Meinungen austauschen, dann würde ich auf die Frage antworten und wir fänden schnell heraus, ob unsere Meinungen übereinstimmen oder nicht.

      In diesem Doppelbeitrag geht es ja um die Bedeutung einer öffentlichen Debattenkultur. Daher ist es m. E. wichtig, dass ich mir bewusst bin/werde, dass ein Austausch hier zwischen uns beiden zur öffentlichen Meinungsbildung beiträgt. Anstatt also auf die Frage “Was denkst Du?” zu antworten, sollte ich besser innehalten und Dich fragen:

      Über welche Grundgesamtheit genau triffst Du diese Aussage? Auf welche Prämissen basiert Deine Schlussfolgerung? Gibt es z. B. eine Studie, die Du hier vor Augen hast? Oder sind das Deine Beobachtungen? Und wieso gehst Du davon aus, dass Deine Beobachtungen repräsentativ sind?

      Deine Antworten abzuwarten und auf mich wirken zu lassen, hilft mir, zu entscheiden, ob ich Dein Argument als stark wahrnehme und es mich überzeugt oder nicht. Dadurch, dass ich mich bewusst mit Deinem Argument auseinandersetze, erhöhe ich die Chance, dass ich meine eigenen Denkmuster kritisch hinterfragen kann.

      Das trainiert lediglich unsere Fähigkeit überzeugend zu argumentieren, sagt jedoch, siehe Beitrag, nichts über die Wahrheit oder Unwahrheit einer Aussage aus.

      1. und noch etwas, was mich in Deinem Artikel stutzig machte Kourosh Ghaffari

        Diese Aussage:

        „Ein aktuelles Beispiel obiger Verrechnungsproblematik ist im Kontext der russischen Invasion zu beobachten. Szenario: Zwei sprechen über die Invasion und die eine Partei sagt sinngemäß: „Natürlich sollte man erwähnen, dass auch die Ukraine keine reine Weste hat. Aber das soll nicht heißen, dass ich deswegen den Krieg verteidigen oder relativieren möchte.“ Doch, genau das soll die Aussage heißen! […]“

        Ich bin da nicht einverstanden, dass die Person, die erwähnt, dass Ukraine nicht ganz reine Weste hat, es gleich verrechnet.

        Ich verstehe dies wie folgt:

        Es ist m.E. die weit verbreitete Unlogik, die so pauschal, ja schädlich ist, weil sie so blind und parteiisch aufteilt.

        Denn auch wenn jemand eindeutig im Unrecht ist, heißt es nicht zwangsläufig und automatisch, dass der andere Recht hat.

        1. Valentina, doch! Es geht in der Tat darum, dass in einem konkreten Fall die Parteien argumentativ zu einem Urteil finden: Bekomme ich “Recht” aufgrund meines Argumentes? Vielleicht besser so erklärt: Person A ist wegen Mordes an Person B angeklagt und steht nun vor Gericht. Der Kläger muss schlüssig und überzeugend darlegen, dass A der Mörder ist. Es geht um dieses Argument – und nur um dieses. A bringt Gegenargumente, um die Prämissen oder die Schlussfolgerungsmechanismen der Anklage bzgl. dieses Argumentes infrage zu stellen.

          Es geht somit immer um “Verrechnungen”. Es gibt dabei jedoch echte Gegenargumente und es gibt Scheinargumente. Bei echten Gegenargumenten geht es darum, auf echte Schwächen der Schlussfolgerung hinzuweisen. Scheinargumente hingegen haben nichts mit der Sache zu tun. Sie werden eingebracht, um Zweifel zu säen u/o von der Sache abzulenken u/o weil man sich dadurch besser fühlt.

          Dass A eine Liste aller Mörder vorlegt, die freikamen, ohne verurteilt zu werden, tut nichts zur Sache, für die A angeklagt ist. Dass die ermordete Person B eine außereheliche Affäre hatte, ihre Kinder verprügelte und ihre Kollegen und Nachbarn schikanierte, auch nicht. Und wenn doch, dann obliegt es A und ihrer Verteidigung, zu demonstrieren, wieso diese Umstände das Argument schwächen sollen: A hat B ermordet!

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