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Wir tun uns schwer damit, eine verallgemeinernde Schlussfolgerung anzuwenden, um eine These zu bilden, diese jedoch nicht zu vermengen mit einem Pauschalurteil.
Wir tun uns schwer damit, eine verallgemeinernde Schlussfolgerung anzuwenden, um eine These zu bilden, diese jedoch nicht zu vermengen mit einem Pauschalurteil.

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Verallgemeinernde Schlussfolgerung versus Pauschalurteil

15 Min.

Wir tun uns schwer damit, eine verallgemeinernde Schlussfolgerung/ eine These zu bilden, diese jedoch nicht mit einem Pauschalurteil zu vermengen. Und welche Schwierigkeiten erwarten uns, wenn wir von Einzelfallbeobachtungen ausgehend eine verallgemeinernde Schlussfolgerung ableiten wollen?

Im ersten Teil haben wir uns mit der Relevanz einer Debatten- und Streitkultur insbesondere bei großen und komplexen Themen befasst.

In diesem Beitrag werde ich den Schwerpunkt auf menschliche Interaktionen und die Schnittstelle zwischen einer verallgemeinernden Schlussfolgerung und der Einzelfallbetrachtung legen. Denn viele von uns tun sich sehr schwer damit, eine verallgemeinernde Schlussfolgerung zu formulieren. Stattdessen fällen sie ein unfaires Pauschalurteil über einen Einzelfall.

Eine verallgemeinernde Schlussfolgerung ist eine logische Fähigkeit

Bei einer verallgemeinernden Schlussfolgerung möchten Sie von Einzelfallbeobachtungen ausgehend eine Gesetzmäßigkeit/ ein Muster ableiten.

Bei einem Pauschalurteil hingegen fällen Sie aufgrund eines Musters, das Sie im Kopf haben, ein Urteil über einen Einzelfall und sorgen ein Stück weit dafür, dass die Person sich abqualifiziert fühlt.

Verallgemeinernde Schlussfolgerung: Hand mit Lupe analysiert zwei Männer aus einer anonymen Menge

Während eine verallgemeinernde Schlussfolgerung eine logische Fähigkeit darstellt, die es Ihnen erleichtert, die komplexe Welt besser zu erfassen und sich darin zurechtzufinden, sorgen Ihre Pauschalurteile eher dafür, dass andere Ihnen am liebsten an die Gurgel springen würden.

Bei der richtigen Anwendung einer verallgemeinernden Schlussfolgerung gehen Sie beispielsweise wie folgt vor:

  • Sie beobachten bei einer repräsentativen Stichprobe aus einer Grundgesamtheit das Muster A. Daraus schließen Sie:
    • Also werde ich auch bei der Grundgesamtheit das Muster A vorfinden.

Als Grundgesamtheit wird die Menge aller Objekte bezeichnet, über die Sie eine Aussage treffen wollen.

Und mit Ihrer Wortwahl kommunizieren Sie anderen gegenüber,

  • wie Sie diese Schlussfolgerung gebildet haben
    • und für wie wahrscheinlich Sie diese Prognose erachten.

Das tun Sie deswegen, weil Sie Ihr Gegenüber von Ihrem Argument überzeugen wollen.

Es geht bei einer verallgemeinernden Schlussfolgerung somit nicht darum, Abweichungen von Ihrer These zu identifizieren, zu brandmarken oder zu eliminieren. Sie wollen vielmehr dem Objekt Werte zuschreiben, die helfen sollen, vorherzusehen, was künftig wahrscheinlich vom Objekt zu erwarten ist. Oder um eine These aufzustellen, wie sie immer wieder beobachtbare Probleme aufgrund des Objektes künftig beheben könnten.

Die Merkmale, die Sie dem Objekt zuschreiben, können bei der Betrachtung des konkreten Einzelfalls bestätigt werden – oder auch nicht!

Nehmen wir beispielhaft an, Sie glauben das folgende Muster erkannt zu haben: „Große amerikanische Männer mit einem athletischen Körperbau, die eine Eliteuni besuchen, haben die besten Chancen, später einen Vorstandsposten zu besetzen.“

  • Sie treffen John Doe: Er ist Amerikaner, hat eine Eliteuni besucht und ist jetzt Vorstandsmitglied eines Weltkonzerns. Er ist 165cm groß und unsportlich. Er bestätigt vier der sechs Elemente Ihrer These.

Als ein Familienmitglied von John betrachten Sie das Objekt „John Doe“ und haben ebenfalls eine These, welche Verhaltensweisen Sie als „typisch John“ erachten.

  • Das Verhalten von John entsprach letzten Samstag Ihrer These und am Tag darauf um 16:00 Uhr nicht.

So weit, so gut und so einfach.

Oder doch nicht? Denn wenn es so einfach und klar wäre, würden Sie nicht alle naselang in öffentlichen Diskussionen erleben, dass jemand

  • eine persönliche und beleidigende Aussage gegenüber einer Person trifft, die er nicht kennt.
  • sich persönlich beleidigt fühlt von Aussagen einer Person, die ihn überhaupt nicht kennt und ihre Aussage somit gar keine persönliche Relevanz für ihn zu haben braucht.

Was ist also los?

Ein Vorurteil verpackt als eine verallgemeinernde Schlussfolgerung?

Bei einer sachdienlichen verallgemeinernden Schlussfolgerung hat der Sprecher bereits selbst Faktoren berücksichtigt wie z. B.:

  • Wie groß und repräsentativ ist die zugrundeliegende Stichprobe für eine Aussage über die Grundgesamtheit?
  • Wie relevant sind die vorgetragenen Prämissen für das Argument und wie wahrscheinlich ist es, dass sie wahr sind?
  • Begründen die Prämissen die Schlussfolgerung eigentlich? Sind auch andere Schlussfolgerungen aufgrund dieser Prämissen möglich?

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Wenn ich diese Kriterien als Messlatte zugrunde lege, dann muss ich nüchtern festhalten:

Ein Großteil der Thesen, die in der Gesellschaft im Allgemeinen und auf Social-Media-Plattformen (SoMe) im Besonderen kursieren, sind keine verallgemeinernden Schlussfolgerungen, sondern nur unfundierte Meinungen und Vorurteile. Sie wurden irgendwo aufgeschnappt, als gegeben hingenommen und dann weiterverbreitet.

Eine verallgemeinernde Schlussfolgerung ist keine wahre Aussage

Im letzten Beitrag habe ich Sie hoffentlich hierfür sensibilisieren können: Wenn wir mit unserem Argument einen Blick in die Zukunft werfen wollen, dann betrachten wir lediglich Eintritts-Wahrscheinlichkeiten – niemals Fakten oder Wahrheiten. Und die Konsequenzen des Eintritts spielen sich in Bandbreiten ab. Es gilt:

Auch beim stärksten und überzeugendsten Argument kann es uns passieren, dass wir später ein Ergebnis außerhalb der erhofften und für uns akzeptablen Bandbreite vorfinden – i. e. das Argument sich als unwahr herausstellt!

Wenn Sie öffentlichen Diskussionen aus dieser Perspektive heraus aufmerksam verfolgen, wird Ihnen auffallen, dass die involvierten Parteien sich nicht selten so verhalten, als ob sie über absolute Wahrheiten sprächen.

Wenn sich eine solche innere Haltung (unbewusst) bei Ihnen einstellt, dann werden Sie keinen Widerspruch gelten lassen können, denn es gibt keine Ausnahmen zu einer absoluten Wahrheit. Diese vermeintlich wahren und allgemeingültigen Aussagen dienen letztlich nur dazu, Pauschalurteile zu rechtfertigen und Abweichler zu identifizieren und an den Pranger zu stellen.

Wenn somit viele Menschen sich öffentlich über ihre Thesen zu Männern/ Frauen, Babyboomer-/ Y-Generation, Russen/ Ukrainer, Geimpfte/ Ungeimpfte, …, austauschen, dann beschreiben sie kein Muster, sondern sie brechen – womöglich unbewusst – den Stab über alle Individuen der Grundgesamtheit. Ohne Ausnahme!

Weiterführende Lektüre:

Im Beitrag Personalentwicklung: Karriere von Frauen gehe ich darauf ein, warum die Unterscheidung “Mann/Frau” m. E. keine praktische Relevanz für den Unternehmensalltag hat.

Wenn Sie sich als einen Teil des Debattenobjektes betrachten und sich beim Argument Ihres Gegenübers persönlich angegangen fühlen, dann womöglich deswegen, weil Ihr Kontrahent das auch so meinte. Oder weil Sie selbst eine verallgemeinernde Schlussfolgerung gebildet haben, sodass es sehr wahrscheinlich ist, dass Ihr Gegenüber bei der Aussage alle – also auch Sie persönlich – meint.

Und weil das so ist, haben wir in unserem Sprachgebrauch zu Recht Begriffe eingeführt wie „Vorurteil“, „Rassismus“ oder „Sexismus“.

Plakativ: Wenn Sie seinerzeit beim Covid-Ausbruch den chinesischen Restaurantbesitzern in Ihrem Ort „die Leviten gelesen“ haben und aktuell Personen nur deswegen frontal angehen, weil sie russischstämmig sind, dann sprechen die Indizien klar dafür, dass Ihr Denken und Handeln rassistisch motiviert sind.

Und daran ändert sich auch nichts, wenn Sie von Ihren „Fans“ für Ihre Äußerungen und Handlungen viel Lob bekommen und das Gefühl haben, aus einer moralisch überlegenen Position aus zu agieren. Mehr zu diesem Phänomen weiter unten.

Üblicherweise jedoch ist es nicht ohne Weiteres erkennbar, ob eine Person ein erkanntes Muster aufgrund einer verallgemeinernden Schlussfolgerung anspricht oder

  • lediglich ihren Vorurteilen Ausdruck verleiht, wenn sie über „die Politiker“ spricht,
  • rassistisch ist, wenn sie über „die syrischen Flüchtlinge“ spricht oder
  • sexistisch ist, wenn sie sich über das Verhalten von „alten weißen Männern“ auslässt.

Tipp Nr. 1: Wenn Sie die Wahrscheinlichkeit erhöhen wollen, dass Ihr Adressat Ihre Aussage als eine echte verallgemeinernde Schlussfolgerung wahrnimmt, dann nehmen Sie sich die Zeit, um vernünftig zu argumentieren und zu formulieren!

Insbesondere auf SoMe ist die Problematik besonders heikel. Denn

  1. lesen und kommentieren Menschen Ihre Aussagen, die weder Ihren Werdegang noch Ihren Sinn für Humor kennen und einschätzen können und
  2. überfliegen diese Ihren Text mit einer erschreckend kurzen Aufmerksamkeitsspanne.

Die Wahrscheinlichkeit ist somit riesig, dass man Sie missverstehen wird. Gerade bei Aussagen, die das Potenzial haben, als sexistisch und rassistisch gedeutet zu werden, sollten Sie es sich sehr genau überlegen, ob Sie diese auf SoMe posten.

Die Reaktion des Gegenübers berücksichtigen – und den eigenen Anteil daran erkennen

Eine andere Auffälligkeit für mich ist: Manche tendieren dazu, sich selbst grundsätzlich als das Opfer einer problematischen Interaktion wahrzunehmen und erkennen den eigenen Beitrag dazu nicht. Zur Verdeutlichung ein plakatives Beispiel:

Sie gehen in eine Kneipe, in der sich üblicherweise die Mitglieder einer lokalen Gang treffen, um eine verallgemeinernde Schlussfolgerung vorzutragen und zu überprüfen. Sie setzen an: „Ich glaube erkannt zu haben, dass Menschen, die sich so anziehen und verhalten wie ihr in der Regel unterbelichtet sind“.

Ja, es ist theoretisch möglich, dass die Anwesenden Ihnen zurufen: „Spannende These! Wir haben gerade einen frischen Pfefferminztee aufgesetzt. Trink mit und wir reden darüber“. Es ist möglich, dass sie die Polizei rufen, Anzeige erstatten und Ihnen ein Hausverbot erteilen. Möglich, ja, jedoch nicht wahrscheinlich! Höchst wahrscheinlich werden Sie ordentlich verprügelt. Mit Ansage.

Dies vorausgeschickt, es lohnt sich, sich selbst immer wieder daran zu erinnern: Wenn wir kommunizieren, dann deswegen, weil wir etwas von den anderen wollen: Diese sollen daraufhin etwas tun oder sein lassen.

Tipp Nr. 2: Bevor Sie eine verallgemeinernde Schlussfolgerung (auf SoMe) absetzen, lohnt es sich, kurz innezuhalten und sich zu fragen: Was will ich idealerweise damit bewirken? Ist meine Schlussfolgerung ausreichend begründet, um diese Wirkung zu erzielen?

Sollte Ihre Intention bei persönlich beleidigenden Posts auf SoMe sein: „egal ob positiv oder negativ, Hauptsache andere schenken mir ihre Aufmerksamkeit und interagieren“ dann teilen Sie ruhig Ihre Pauschalurteile ordentlich aus! Eine durchaus bewährte Methode, um dieses Ziel zu erreichen.

Und das ist ein guter Übergang zu Situationen, in denen Sie als Adressat einer verallgemeinernden Schlussfolgerung sich persönlich angesprochen und getriggert fühlen. Dann hoffe ich, dass Sie sich ausreichend mit den vier Ebenen der Kommunikation befasst haben, um beurteilen zu können:

  • Welche Informationen erhalte ich über den Sender auf der Selbstoffenbarungsebene?
  • Welche Nachricht auf der Beziehungsebene triggert mich gerade?
    • Und was hat es mit dem Satz auf sich: “Was mich trifft, betrifft mich”?

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Ist ein Argument wahr, wenn 100 % der Adressaten es überzeugend finden?

Das subjektive Gefühl, dass Sie eine wahre und edle Ansicht vertreten, wird signifikant verstärkt, wenn Sie von anderen viel Zustimmung für Ihre Ansicht erhalten. Je mehr Zustimmung Sie erhalten, desto fundamentaler wird Ihre innere Haltung zu Ihrer These und desto schwieriger wird es Ihnen fallen, diese selbstkritisch zu hinterfragen.

Und typisch Mensch: Wir abonnieren Medien und umgeben uns mit Menschen, die uns in unserer Sicht der Welt argumentativ bekräftigen, denn das tut uns richtig gut. Wir machen einen Riesenbogen um alle anderen. Wir machen höchstens kurz halt, um ihnen eine (hoffentlich nur) verbale Ohrfeige zu verpassen, um dann weiterzuziehen.

Die dargebotene Chance wahrzunehmen, um eigene Denkmuster kritisch zu hinterfragen und nach Erkenntnisgewinn zu streben, ist wahrlich nicht jedermanns Sache.

Sogar dann, wenn eine Schlussfolgerung von allen als überzeugend wahrgenommen wird, wird sie deswegen nicht „wahr“ und für jedermann bindend. Ich darf die Aussage aus dem letzten Beitrag wiederholen: Ob ein Argument überzeugend ist, entscheidet der Adressat für sich allein, denn er hat das Recht, das Argument als (für ihn) nicht überzeugend abzulehnen.

  • Alle Mobiltelefonanbieter fanden seinerzeit die These überzeugend, dass Mobiltelefone nur zum Telefonieren da sind. Der Computerhersteller Steve Jobs fand das Argument jedoch nicht überzeugend und hat sich für die Einführung von iPhone entschieden.
  • Alle Automobilhersteller waren sich einig, dass Elektroautos nicht mehrheitstauglich sind. Der Dotcom-Unternehmer Elon Musk fand das Argument nicht überzeugend und hat sie alle eines Besseren belehrt.

Überprüfung der Prämissen der eigenen verallgemeinernden Schlussfolgerung

Beim Vorgang, von Einzelfallbeobachtungen auf Gesetzmäßigkeiten dahinter zu schließen, sind wir mit typisch-menschlichen Verhaltensmustern konfrontiert, die uns das Leben schwer machen.

Zum einen gilt: Wenn wir eine These im Kopf haben, tendieren wir dazu, nur Indizien zu berücksichtigen, die unsere These bestätigen. Wir übersehen geflissentlich Indizien, die die Hypothese widerlegen würden.

Weiterführende Lektüre:

Auf diese Problematik und die Alternative dazu, gehe ich im Beitrag „Ist konstruktiv und lösungsorientiert zu sein womöglich destruktiv?“ ein.

Viel spannender ist aber m. E. folgendes: zwei sich widersprechende Beobachtungen nebeneinander stehenzulassen und die daraus resultierende Dissonanz auszuhalten, überfordert wohl regelmäßig unser Gehirn.

Am Beispiel unserer aktuellen Außenministerin Annalena Bärbock verdeutlicht: Erst wurde sie mehrheitlich öffentlich zerrissen. Dann hat sie eine gute Rede gehalten und danach war immer öfter zu lesen: „Ich habe mich wohl geirrt, sie ist doch fähig“. Und jetzt wird sie mehrheitlich öffentlich gelobt.

Ist sie denn nun fähig oder nicht fähig? Diese Entscheidung möchten wir gerne absolut, schwarz ODER weiß haben. Diese Schlussfolgerung möchten wir nämlich als eine wahre Prämisse verwenden, um eine Aussage über die übergeordnete Gruppe der „weiblichen Politiker/Grüne“ zu treffen. Und wenn wir hier eine eindeutige, schwarz oder weiße Schlussfolgerung gezogen haben, gehen wir weiter zur nächsten Gruppe der „Politiker /die Grünen insgesamt“.

Wir möchten gerne, dass diese logische Reihe wie aus einem Guss ist. Ungereimtheiten können wir nicht ausstehen. Daher relativieren wir und deuten alles um, was nicht in unsere Argumentationskette passt – solange bis alles passt.

Anders formuliert: Mit dem Satz „Ich habe mich wohl geirrt“ fangen unsere Probleme an. Denn das ist ein Schwarz-ODER-weiß-Denken.

Die Wirklichkeit gibt sich jedoch nicht mit solch banalen Schubladen zufrieden: Sie, ich, Annalena Bärbock und jeder andere Mensch auf diesem Planeten kann sich heute selten dämlich UND morgen genial und vorbildlich UND übermorgen wieder ganz anders verhalten.

Mann hält mehrere Masken, die unterschiedliche seiner emotionalen Zustände  zeigen

Wenn Sie für sich die Entscheidung treffen wollen, ob Sie sie wählen sollten, dann müssen Sie halt eine verallgemeinernde Schlussfolgerung über das Objekt „Politikerin Annalena Bärbock“ treffen. Ihre These wird dann lauten: „Sie wird überwiegend wahrscheinlich meine Interessen (nicht) gut vertreten. Daher wähle ich sie (nicht)“. Ihre These wird sich später als wahr oder unwahr herausstellen. Und damit schließt sich wieder der Kreis zum bislang Gesagten.

Tipp Nr. 3: Machen Sie es sich bitte bewusst, dass Sie über ein Individuum keine wahre Aussage treffen können. Sie können nur Muster erkennen, die aus Ihrer Sicht überwiegend wahrscheinlich auch künftig zu erwarten sind. Wenn Sie sich das bewusst machen, wird es Ihnen deutlich leichter fallen, die Ausnahmen von Ihrer Regel zu akzeptieren und auszuhalten.

Darf man Einzelfälle miteinander verrechnen und eine Summe bilden?

Ich bin mir nicht sicher, ob die drei abrahamitischen Religionen mit ihrer alttestamentarischen Aussage „Auge um Auge, Zahn um Zahn“, der Menschheit einen Bärendienst erwiesen und sie für die Ewigkeit geprägt haben, oder aber sie nur das niedergeschrieben haben, was wir Menschen nun einmal so tun.

Denn damit einher geht ein anderes spannendes menschliches Phänomen, das sich bei Bildung von Schlussfolgerungen destruktiv bemerkbar macht: Wir „summieren“ Einzelfälle mit vermeintlich unterschiedlichem Vorzeichen, wenn es um die Beurteilung von Interaktionen zwischen Menschen handelt! Was ich damit meine, möchte ich anhand eines extremen Beispiels verdeutlichen:

Nehmen wir rein hypothetisch an, dass Sie jemanden umbringen, der zuvor bewiesenermaßen ein Familienmitglied von Ihnen umgebracht hat.

Es sitzt sehr tief in vielen von uns drin, dass eine Stimme in uns diesen Vorgang als „logisch und nachvollziehbar“ betrachtet. Einige würden sogar einen Schritt weitergehen und hätten auch dann Verständnis dafür, wenn Sie jemanden umbringen, von dem Sie behaupten, dass er ein Familienmitglied von Ihnen umgebracht hat. Mit anderen Worten: Ein negativer Mord kann mit einem “positiven” Mord “getilgt” werden.

Wenn Sie sich aufmerksam umschauen, wird Ihnen leicht auffallen, dass das argumentative „Verrechnen“ insbesondere bei großen und komplexen Themen wohl zum guten Ton dazu gehört. Beispielsweise durch die Verwendung eines „Whataboutism-Scheinarguments“. Diese ständigen Verrechnungen sind logische Fehlschlüsse, die es uns unmöglich machen, zu einer Einigung zu finden, denn in einem komplexen Umfeld findet sich immer ein Gegenbeispiel zum Verrechnen.

Tipp Nr. 4: Lassen Sie sich niemals auf Verrechnungsspiele ein, denn dann haben Sie bereits verloren. Um das extreme Beispiel von oben zu nehmen, wenn jemand Ihnen „Auge um Auge“ die Rechnung -1 +1 = 0 serviert, machen Sie darauf aufmerksam, dass hier nicht null, sondern zwei Morde passiert sind! Jede Mordentscheidung ist separat zu beurteilen aufgrund der vorliegenden Prämissen.

Von diesem Phänomen abzugrenzen, ist dieser Fall: Wenn Sie eine These aufstellen und Ihre Prämissen dabei offenlegen, dann kann die Gegenpartei selbstverständlich weitere Prämissen einbringen, die Sie geflissentlich außen vor gelassen haben, weil sie womöglich Ihr Argument schwächen. Dann obliegt es der Gegenpartei, zu demonstrieren, wie die neuen Prämissen die Stärke Ihres Argumentes beeinflussen – und anschließend obliegt es wieder Ihnen, ggf. zu demonstrieren, dass sie es doch nicht tun. Sprich: Sie führen dann eine Debatte.

Die Bedeutung des Kontextes

Ein aktuelles Beispiel obiger Verrechnungsproblematik ist im Kontext der russischen Invasion zu beobachten. Szenario: Zwei sprechen über die Invasion und die eine Partei sagt sinngemäß: „Natürlich sollte man erwähnen, dass auch die Ukraine keine reine Weste hat. Aber das soll nicht heißen, dass ich deswegen den Krieg verteidigen oder relativieren möchte.“

Doch, genau das soll die Aussage heißen! Denn hier wird argumentativ „verrechnet“.

Die zugrundeliegende sprachliche Prämisse besagt: Wenn der Sprecher die Aussage „Natürlich hat auch die Ukraine keine reine Weste“ zeitlich und kontextuell zusammenhängend präsentiert, dann nur deswegen, weil er möchte, dass der Zuhörer diese als Kontextinformation hineinfließen lässt und berücksichtigt.

Der Kontext ist somit eine wichtige Komponente, denn viele Prämissen eines Argumentes werden lediglich implizit aufgeführt. Der Sprecher setzt voraus, dass aufgrund von kulturellen und sonstigen Rahmenbedingungen diese oder jene Prämissen klar genug sein dürften.

Wenn ein junger Mann eine unbekannte junge Dame zum Essen einlädt und sie die Einladung annimmt, dann sollte die Prämisse „Wir haben ein Date“ auch unausgesprochen den Beteiligten klar sein. Ob seine Schlussfolgerung „nach dem Date darf ich sie küssen“ für sie stark und überzeugend ist, bleibt jedoch abzuwarten. Wenn die junge Dame jedoch sagt „Wieso denkst du, wir hatten ein Date? Das habe ich nie gesagt. Ich dachte, wir gehen nur so essen“, dann argumentiert sie – unter Berücksichtigung des Kontextes – unlogisch.

Die Bedeutung der Wortwahl

Wie Sie sehen, die Sprache spielt in der Tat eine enorm wichtige Rolle. Die Worte, mit denen Sie Ihre Schlussfolgerung bilden, haben einen signifikanten Einfluss auf die Stärke Ihres Argumentes. Wenn das Thema Ihnen wichtig ist, sollten Sie diese daher mit größter Sorgfalt wählen.

Ob in der Politik oder in Unternehmen, wenn wir beispielsweise darüber sprechen, dass wir mehrheitlich-demokratisch eine Lösung verabschieden und diese dann umsetzen wollen, dann schwingt durch die Verwendung des Wortes „die Lösung“ zwischen den Zeilen mit, dass die Minderheit unrecht hatte und zurecht verloren hat. Es schwingt zwischen den Zeilen mit, dass die Mehrheit sich mit ihrer Wahrheit zurecht durchgesetzt hat.

Eine Wahrheit, die ab heute in Stein gemeißelt werden wird! Denn wie oft haben Sie beobachtet, wie wahrscheinlich ist es, dass die Entscheider freiwillig und ohne Druck von anderen sagen: Sorry! Unsere Lösung hat sich als falsch herausgestellt. Wir brechen den Vorgang ab.

Tipp Nr. 5: Ersetzen Sie den Satz

  • Wir verabschieden eine Lösung und setzen sie anschließend um

durch den Satz

  • Wir bilden eine Hypothese einer möglichen Lösung und überprüfen sie anschließend“.

Und meinen Sie es auch so!

Sie werden feststellen, dass sie dann deutlich mehr Menschen dafür gewinnen können, den Weg gemeinsam mit Ihnen zu gehen. Denn nun schwingt mit, dass Sie lernwillig sind, weil Sie sich darüber bewusst sind, dass Sie nur eine These verfolgen.

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Kommentare

6 Kommentare zu „Verallgemeinernde Schlussfolgerung versus Pauschalurteil“

  1. An sich ist das Wiederholung von dem, was Du in Deinem Beitrag sagst.

    Meine Aussage:

    Denn auch wenn jemand eindeutig im Unrecht ist, heißt es nicht zwangsläufig und automatisch, dass der andere Recht hat.

    will absolut nichts schwächen, sondern die Verblendung vermeiden.

    Ein Mörder ist ein Mörder, ja.

    Wenn aber dann auf der anderen Seite eine Art Verherrlichung und Idealisierung des Ermordeten geschieht (obwohl dieser z.B. seine Kinder verprügelte) beginnt diese Verblendung langfristig ungesund zu werden und kann m. E. sogar gefährlich werden.

    1. Ich habe wohl noch nicht die richtigen Worte gefunden, um meinen Punkt zu verdeutlichen. Neuer Ansatz, indem ich Deinen letzten Satz umformuliere:

      Eine Verherrlichung und Idealisierung eines Ermordeten (obwohl dieser z.B. seine Kinder verprügelte) ist eine Verblendung, die langfristig ungesund ist und sogar gefährlich werden kann.

      Das wäre in der Tat ein für sich stehendes Argument, das man durchaus ernst nehmen und diskutieren kann, indem man die Prämissen kritisch anschaut, etc. Der Punkt ist jedoch: Spätestens dann, wenn dieses Argument mit “Wenn aber dann auf der anderen Seite …” beginnt, dann ist es nicht mehr ein alleinstehendes Argument, sondern wird dadurch zwangsläufig zu einem Gegenargument. Wie im Text beschrieben, sogar ohne diese Einleitung wird es allein aufgrund des Kontextes der Kommunikation zu einem Gegenargument.

      Wenn die Person das separate Argument tatsächlich ernst meint und der Meinung ist, dass es nicht warten kann/sollte, um eine Verrechnungsmutmaßung zu vermeiden, dann sollte sie es als ein echtes Argument behandeln und sich umso mehr Mühe geben, es überzeugend zu präsentieren. Sprich, nicht eine oberflächliche und vage Aussage a la “keine reine Weste” in den Ring schmeißen, sondern die Prämissen für diese Schlussfolgerung explizit darlegen.

      Und mit Verweis auf die Passage “Die Reaktion des Gegenübers berücksichtigen …” gilt außerdem: Für eine Person, die das wahrhaftig getrennt sieht, wäre das Timing eines solchen Arguments denkbar ungünstig gewählt, weil sie davon ausgehen muss, dass es kontextuell als ein Gegenargument wahrgenommen werden wird und sie mit entsprechend negativen Reaktionen darauf rechnen muss. Getreu dem Motto: sie hat wohl die emotionale Intelligenz eines Bulldozers.

  2. Dankeschön für diesen Artikel, der zum Nachdenken gibt.

    Diese Aussage von Dir finde ich für mich persönlich wichtig:

    „Das subjektive Gefühl, dass Sie eine wahre und edle Ansicht vertreten, wird signifikant verstärkt, wenn Sie von anderen viel Zustimmung für Ihre Ansicht erhalten. […] Die dargebotene Chance wahrzunehmen, um eigene Denkmuster kritisch zu hinterfragen und nach Erkenntnisgewinn zu streben, ist wahrlich nicht jedermanns Sache.“

    Gerade in diesen Zeiten sind Menschen wir verblendet. Ich verstehe, dass Emotionen Menschen leicht verdummen lassen, es kann aber auch sein, dass manche von ihnen ihre eigentlichen Ansichten, ihr wahres Gesicht erst in diesen Zeiten offenbaren, was sie früher noch gut verbergen konnten.

    Was denkst Du?

    1. Danke Valentina für die gute Frage. Wenn es darum ginge, dass Du und ich uns privat zusammensetzen und unsere Meinungen austauschen, dann würde ich auf die Frage antworten und wir fänden schnell heraus, ob unsere Meinungen übereinstimmen oder nicht.

      In diesem Doppelbeitrag geht es ja um die Bedeutung einer öffentlichen Debattenkultur. Daher ist es m. E. wichtig, dass ich mir bewusst bin/werde, dass ein Austausch hier zwischen uns beiden zur öffentlichen Meinungsbildung beiträgt. Anstatt also auf die Frage “Was denkst Du?” zu antworten, sollte ich besser innehalten und Dich fragen:

      Über welche Grundgesamtheit genau triffst Du diese Aussage? Auf welche Prämissen basiert Deine Schlussfolgerung? Gibt es z. B. eine Studie, die Du hier vor Augen hast? Oder sind das Deine Beobachtungen? Und wieso gehst Du davon aus, dass Deine Beobachtungen repräsentativ sind?

      Deine Antworten abzuwarten und auf mich wirken zu lassen, hilft mir, zu entscheiden, ob ich Dein Argument als stark wahrnehme und es mich überzeugt oder nicht. Dadurch, dass ich mich bewusst mit Deinem Argument auseinandersetze, erhöhe ich die Chance, dass ich meine eigenen Denkmuster kritisch hinterfragen kann.

      Das trainiert lediglich unsere Fähigkeit überzeugend zu argumentieren, sagt jedoch, siehe Beitrag, nichts über die Wahrheit oder Unwahrheit einer Aussage aus.

      1. und noch etwas, was mich in Deinem Artikel stutzig machte Kourosh Ghaffari

        Diese Aussage:

        „Ein aktuelles Beispiel obiger Verrechnungsproblematik ist im Kontext der russischen Invasion zu beobachten. Szenario: Zwei sprechen über die Invasion und die eine Partei sagt sinngemäß: „Natürlich sollte man erwähnen, dass auch die Ukraine keine reine Weste hat. Aber das soll nicht heißen, dass ich deswegen den Krieg verteidigen oder relativieren möchte.“ Doch, genau das soll die Aussage heißen! […]“

        Ich bin da nicht einverstanden, dass die Person, die erwähnt, dass Ukraine nicht ganz reine Weste hat, es gleich verrechnet.

        Ich verstehe dies wie folgt:

        Es ist m.E. die weit verbreitete Unlogik, die so pauschal, ja schädlich ist, weil sie so blind und parteiisch aufteilt.

        Denn auch wenn jemand eindeutig im Unrecht ist, heißt es nicht zwangsläufig und automatisch, dass der andere Recht hat.

        1. Valentina, doch! Es geht in der Tat darum, dass in einem konkreten Fall die Parteien argumentativ zu einem Urteil finden: Bekomme ich “Recht” aufgrund meines Argumentes? Vielleicht besser so erklärt: Person A ist wegen Mordes an Person B angeklagt und steht nun vor Gericht. Der Kläger muss schlüssig und überzeugend darlegen, dass A der Mörder ist. Es geht um dieses Argument – und nur um dieses. A bringt Gegenargumente, um die Prämissen oder die Schlussfolgerungsmechanismen der Anklage bzgl. dieses Argumentes infrage zu stellen.

          Es geht somit immer um “Verrechnungen”. Es gibt dabei jedoch echte Gegenargumente und es gibt Scheinargumente. Bei echten Gegenargumenten geht es darum, auf echte Schwächen der Schlussfolgerung hinzuweisen. Scheinargumente hingegen haben nichts mit der Sache zu tun. Sie werden eingebracht, um Zweifel zu säen u/o von der Sache abzulenken u/o weil man sich dadurch besser fühlt.

          Dass A eine Liste aller Mörder vorlegt, die freikamen, ohne verurteilt zu werden, tut nichts zur Sache, für die A angeklagt ist. Dass die ermordete Person B eine außereheliche Affäre hatte, ihre Kinder verprügelte und ihre Kollegen und Nachbarn schikanierte, auch nicht. Und wenn doch, dann obliegt es A und ihrer Verteidigung, zu demonstrieren, wieso diese Umstände das Argument schwächen sollen: A hat B ermordet!

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