Konstruktiv und lösungsorientiert ist "in". Menschen, die auf Probleme hinweisen, haben es wahrlich schwer. In diesem Beitrag möchte ich eine Lanze für sie brechen.
Konstruktiv und lösungsorientiert ist "in". Menschen, die auf Probleme hinweisen, haben es wahrlich schwer. In diesem Beitrag möchte ich eine Lanze für sie brechen.

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Ist konstruktiv und lösungsorientiert zu sein womöglich destruktiv?

16 Min.

Konstruktiv und lösungsorientiert zu sein ist “in”. Menschen, die auf Probleme hinweisen, haben es wahrlich schwer. In diesem Beitrag möchte ich eine Lanze für sie brechen. Dafür werden wir einen Umweg gehen und uns mit „Kritischer Rationalismus“ und dem „Münchhausen-Trilemma“ befassen.

Zu Beginn meines Arbeitslebens erlebte ich Vorgesetzte, die Sätze von sich gaben wie: „Wenn meine Mitarbeiter Zuwendung wollen, dann sollten sie sich einen Hund kaufen“.

Lob, Anerkennung oder Wertschätzung? Fehlanzeige! Das schwäbische Sprichwort „nicht geschimpft ist Lob genug“ beschreibt recht gut diese Mentalität.

Das war nun mal der damalige Zeitgeist. Ein richtiger Boss war ein Anführer und sagte klar und deutlich, wo es lang geht. Mitarbeitende brauchten somit nur Folge zu leisten. Konstruktiv und lösungsorientiert mitzudenken war nicht vonnöten – und i. d. R. auch nicht wirklich erwünscht.

Konstruktiv und lösungsorientiert zu sein ist “in”

Nun haben wir andere Zeiten. Mitarbeitermotivation ist das Gebot der Stunde, weil Sie engagierte Mitarbeiter wollen. Dass Lob, Anerkennung und Wertschätzung dazu gehören, steht somit außer Frage. Die Aufgabenstellung lautet vielmehr: Wie motivieren Sie andere richtig?

Und der gemeinsame Nenner aller möglichen Antworten auf die Wie-Frage läuft offensichtlich darauf hinaus:

  • Sie sind positiv und wohlwollend anderen gegenüber.
  • Sie gehen auf die Bedürfnisse des Gegenübers ein und nehmen die Person dabei emotional mit.
  • Wenn Sie nicht umher kommen, auf Fehler aufmerksam machen zu müssen, dann machen Sie wenigstens konstruktiv und lösungsorientiert einen Alternativvorschlag.

Und als eine solche vorgesetzte Person wünschen Sie sich natürlich auch solche Mitarbeiter. Stellenausschreibungen weisen somit explizit darauf hin, dass konstruktive und lösungsorientierte Mitarbeiter gesucht werden.

Das ist die Mentalität, die heutzutage „in“ ist. Und dieses Phänomen begegnet uns in den unterschiedlichsten Gewändern und Verpackungen. Beispielsweise Dienstleister, die mit Ihren Mitarbeitenden zusammenarbeiten, unterscheiden zwischen „Initiatoren“, „Mitläufern“ und „Bremsern“ ; alternativ: „Echten Kunden“, „Besuchern“ und „Klagenden“.

Problemorientierte Bremser und Klagende sind nicht konstruktiv und lösungsorientiert

Die Bremser und Klagenden sind dabei gewissermaßen die Schmuddelkinder aus der Nachbarschaft, mit denen niemand spielen möchte.

Was ist mit Lob, Anerkennung oder Wertschätzung für diese Personengruppe? Keine Chance!

Denn deren Mentalität entspricht nicht dem Zeitgeist und wird nicht als konstruktiv, lösungsorientiert und wertvoll wahrgenommen. Ferner unterstellt man ihnen implizit oder gar explizit eine negative Absicht hinter ihrem Habitus: Sie seien destruktiv und ihnen ginge es darum, den Fortschritt aufzuhalten.

Außerdem gilt: Auf Probleme und Hindernisse aufmerksam gemacht zu werden, erscheint für niemanden eine wertvolle Leistung – es sei denn natürlich, dass die Person direkt konstruktiv und lösungsorientiert eine alternative Lösung mitliefert.

Und wenn sie es nicht besser weiß und dabei sprachlich auch noch als „gewalttätig“ und “übergriffig” wahrgenommen wird, dann ist auch der letzte Tropfen Wohlwollen aufgebracht. Die Person sollte dringend von Ihrer Gemeinschaft entfernt werden. Denn sonst ist die Gefahr groß, dass sie andere mit ihrer Negativität ansteckt. Nicht wahr?

In diesem Beitrag möchte ich nicht nur eine Lanze für diese Personengruppe brechen, sondern sogar so weit gehen, zu behaupten:

Sich auf diese Menschen einzulassen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen, ist vermutlich das Beste, was Ihnen passieren kann! Und sie haben sehr wohl Ihr Lob, Ihre Anerkennung und Wertschätzung verdient.

Damit Sie diese ketzerische Schlussfolgerung leichter nachvollziehen können, müssen wir erst einen Umweg gehen, indem wir uns zunächst der Frage zuwenden:

Was gilt in einer Gemeinschaft als „Wahrheit“?

Wo finden Sie sie? Wie finden Sie sie? Woran erkennen Sie sie?

Seit Anbeginn der Zivilisation beschäftigen solche Fragen die klügsten Köpfe. Philosophen, Soziologen, …, sie liefern so viele spannende (und höchst widersprüchliche) Antworten darauf.

Kann ich Ihnen eine eigene Antwort andienen? Nein! Denn mein Werdegang hatte nichts mit diesen Disziplinen und ihren Fragen zu tun. Glücklicherweise hat mich nie etwas davon abgehalten, mich mit Themen zu befassen, die sich „jenseits meiner Gehaltsklasse“ abspielen.

Meine Motivation ist jedoch nie akademischer, sondern stets rein praktischer Natur: Wenn ein Thema mir relevant erscheint für den Erfolg meiner Arbeit als Ihr „Co-CEO auf Zeit“, dann beschäftige ich mich damit. Ganz einfach.

Und dieses Thema ist hochgradig relevant für den Erfolg meiner Arbeit. Warum das so ist, werden Sie bald erkennen. Ich bitte um ein wenig mehr Geduld.

Deduktion: vom Allgemeinen zum Speziellen

Wozu soll die ganze Wahrheitssucherei eigentlich gut sein? Antwort: Weil Sie sich sicher fühlen, wenn Sie Gewissheit haben!

Sollten Sie eine (allgemeingültige) Wahrheit finden, können Sie nämlich davon ausgehend eine wahre – und somit sichere – Aussage über einen konkret vorliegenden Fall treffen und Handlungsoptionen ableiten.

Das ist der Vorgang einer „deduktiven“ Schlussfolgerung. Beispielhaft:

 „Alle Menschen sind sterblich. Ich bin ein Mensch. Also tritt mein Tod früher oder später unausweichlich ein. Also kümmere ich mich rechtzeitig um mein Testament.“

Konstruktiv & lösungsorientiert argumentieren: Schematische Darstellung des deduktiven versus induktiven Vorgangs

Mathematische Sätze („Satz des Pythagoras“) werden deduktiv gebildet. Aber auch politische Ideologien und Religionen funktionieren deduktiv. Sie fußen nämlich auf eine dogmatische Verkündung einer absoluten Wahrheit:

  • “Marxismus/Kapitalismus ist soundso und daher gilt…”.
  • „Gott existiert und hat alles erschaffen. Punkt.“

Induktion: vom Speziellen zum Allgemeinen

Was ist mit dem umgekehrten Weg? Wie finden Sie – ausgehend von dem, was um Sie herum zu beobachten ist – die zugrunde liegende Wahrheit? Wie kommen Sie also von „ich sehe Menschen sterben“ hin zu der allgemeingültigen Wahrheit „alle Menschen sind sterblich“?

Willkommen in der Welt des „wissenschaftlichen Denkens“.

Der gängige Einstieg fängt interessanterweise mit einer dogmatisch anmutenden Prämisse an: Es gibt eine auffindbare allgemeingültige Wahrheit. Diese ist jedoch „verschleiert“. Sie brauchen diesen Schleier somit „nur noch“ zu finden und zu lüften.

Sie fragen sich daher: “Nachdem ich den Schleier erfolgreich gelüftet habe, was werde ich wohl vorfinden?” Mit dieser Hypothese vor Augen machen Sie sich daran, einen Weg zu suchen, um den Schleier erfolgreich zu lüften.

1. Möglichkeit: Sie finden tatsächlich das vor, was Sie dachten, dass Sie vorfinden. Dann rufen Sie laut: heureka! Die (rhetorische) Frage in diesem Zusammenhang lautet: Haben Sie wirklich die Wahrheit zweifelsfrei entdeckt?

Oder haben Sie lediglich die Indizien übersehen oder gar ausgeblendet, die die Hypothese widerlegen würden?

Nehmen wir das „Newtonsche Gravitationsgesetz“. Es wurde als eine der vier Grundkräfte der Physik als „wahr“ erkannt. Sie konnten/können praktisch damit arbeiten, um z. B. Aufzüge zu bauen. Aber in größeren kosmischen Dimensionen gab es bei Berechnungen eine Soll-Ist-Abweichung.

Erst ein paar Jahrhunderte später kam dann die Ablösung durch Einsteins „Allgemeine Relativitätstheorie“. Die obige Soll-Ist-Abweichung verschwand und neue praktische Anwendungen wurden dadurch ermöglicht wie z. B. die Satellitennavigation.

Ist das denn nun die Wahrheit? Nein! Denn wir haben es mit einer noch nicht erklärten Soll-Ist-Abweichung auf der quantenphysikalischen Ebene zu tun. Das ist der Übergang zu der

2. Möglichkeit: Eine signifikante Soll-Ist-Abweichung lässt sich nicht wegdiskutieren. Was dann? Nun, das kommt darauf an:

2a) Glauben Sie, dass Ihre Einstiegshypothese weiterhin stimmt, dann haben Sie wohl noch nicht den „richtigen“ Schleier entdeckt und gelüftet. Also suchen Sie munter weiter.

2b) Haben Sie Grund zu der Annahme, dass der Schleier gelüftet ist und Sie just die Wahrheit erblicken, dann stimmte wohl Ihre Hypothese nicht oder sie war nicht vollständig. Sie müssen eine neue Hypothese bilden, die Ihre Ist-Beobachtung beschreibt. „String-Theorie“ & Co. lassen grüßen. Und weiter geht es mit der Überprüfung der neuen Hypothese.

Obacht: Wenn Sie so wie oben beschrieben vorgehen, dann sind Sie an sich konstruktiv und lösungsorientiert! Sprich, nicht nur dann, wenn Sie positiv und gut gelaunt Hypothesen bilden und einen Überprüfungsvorgang festlegen, …

… sondern auch dann, wenn Sie frustriert die Soll-Ist-Abweichungen ernst nehmen und ggf. mühsam erarbeitete Hypothesen (schweren Herzens) wieder verwerfen müssen.

Der Zeitgeist aber sieht es wohl anders, denn es scheint zu gelten: Wer nicht in den „Heureka“-Ruf einstimmt, ist nicht konstruktiv und lösungsorientiert.

Können Sie unumstößliche Wahrheiten finden?

Die Theorie, dass Sie mittels eines induktiven Prozesses eine absolute Wahrheit finden können, hinkt gewaltig – um es milde auszudrücken. Das Streben danach,

  1. Gewissheit zu bekommen und sich sicher zu fühlen und das Streben danach,
  2. die Wahrheit zu finden, scheinen sich faktisch auszuschließen.

Anders formuliert: 1. sorgt wohl dafür, dass Sie über kurz oder lang 2. aus den Augen verlieren.

Hans Albert, deutscher Soziologe und Philosoph, bringt diese Erkenntnis wie folgt auf den Punkt:

„Alle Sicherheiten in der Erkenntnis sind selbstfabriziert und damit für die Erfassung der Wirklichkeit wertlos“.

Traktat über kritische Vernunft

Das „Münchhausen-Trilemma“

Warum ist es nicht möglich, eine fundamentale und unumstößliche Wahrheit zu finden und (wissenschaftlich) zu beweisen? Die kurze Antwort: Denn jeder Versuch des Beweises führt zu einem von drei möglichen Ergebnissen, die Hans Albert als das „Münchhausen-Trilemma“ bezeichnet:

  1. Fall: Zu einem infiniten Regress.
  2. Fall: Zu einem Zirkelschluss.
  3. Fall: Zum Abbruch des Beweisprozesses durch „Immunisierung“ gegen Einwände.

1. Fall ist das, was passiert, wenn Sie sich tatsächlich bemühen wollten, eine Aussage als zweifelsfrei wahr zu begründen. Denn jede Hypothese, die Sie zur Begründung aufstellen, zieht zwangsläufig eine Nachfrage nach einer neuen Begründung nach sich. Ad Infinitum.

  • Wenn Sie je ein Kind erlebt haben, das auf jede Ihrer Antworten mit „waaruum?“ reagierte, dann wissen Sie ganz genau, wovon hier die Rede ist.

Ein möglicher Ausweg aus Fall 1 besteht darin, dass Sie, 2. Fall, sich argumentativ im Kreis zu drehen beginnen, um nicht weitere neue Argumente finden zu müssen.

  • Beispielhaft sagt A: “Gott existiert.”
  • B fragt nach: “Wie kommen Sie darauf?”
  • A: “Weil das in der Bibel steht.”
  • B: “Und wieso soll die Bibel wahr sein?”
  • A: “Weil sie das Wort Gottes ist.”

Werbung in eigener Sache:

Sollten Sie sich bezüglich der Thematik “kritisches Denken” weiterbilden oder Ihr Wissen auffrischen wollen, werfen Sie bitte einen Blick auf meinen Onlinekurs: „Logisch schlussfolgern, überzeugend argumentieren“.

Wenn auch das nicht fruchtet und das Gegenüber keine Ruhe gibt, dann bleibt Ihnen nur noch 3. Fall als Ausweg: Sie verklären wortreich eine These als eine „Wahrheit“ und „immunisieren“ sich gegen weitere Einwände.

Das ist das Pendant zu „basta!“ – halt mit akademischem Lametta geschmückt.

Das „Münchhausen-Trilemma“ im Alltag

Dies vorausgeschickt, sich zu immunisieren gegen Argumente anderer, gehört wohl ebenfalls zum Zeitgeist. Das erlebe ich leider täglich auf Social Media:

Person A postet eine unausgegorene These als die ultimative Weisheit. Sie nehmen sich die Zeit, um die These zu widerlegen.

Was macht A? Sie schreibt: “Das sehe ich halt anders” und glaubt allen ernstes, dass damit alles Notwendige gesagt ist.

Mann hält Regenschirm hoch und schützt sich vor runter regnende Fragezeichnen

Wie soll es auch anders sein, wenn doch unsere „Vorbilder“ sich genauso verhalten? Wenn ich Wissenschaftler und andere kluge Köpfe unserer Zeit in Diskussionen beobachte, habe ich nicht selten ein starkes Déjà-vu einer religiös-dogmatischen Auseinandersetzung:

Ich beobachte nämlich nicht zwei Personen, die wirklich Interesse haben, gemeinsam den Schleier zu lüften, …

… ich beobachte stattdessen das Ringen zweier Personen um die exklusive Beanspruchung einer Machtposition:

  • Ich bin die Person, die eine verbindliche und wahre Deutung der Realität verkünden und Gewissheit und Sicherheit vermitteln möchte. Kollege, komme mir daher bloß nicht mit Logik, denn ich bin immun gegen alle Argumente, die du vorträgst.“

 “Wahrheiten” im unternehmerischen Alltag

Und dieses Phänomen betrifft nicht nur die Naturwissenschaften, sondern natürlich auch die Wirtschaftswissenschaften. Für mich ist es daher weiter nicht verwunderlich, dass ich in Unternehmen dogmatisch anmutende „Wahrheiten“ vorfinde, die als gegeben hingenommen werden, ohne kritisch hinterfragt zu werden.

Einige davon sind abhängig vom Zeitgeist:

  • Mitarbeiter müssen mit konsequenter Hand geführt werden.
    ⇒ Mitarbeiter müssen motiviert werden.
  • Gute Mitarbeiter folgen gehorsam Anweisungen.
    ⇒ Gute Mitarbeiter denken konstruktiv und lösungsorientiert mit.
  • Wir müssen unsere Produkte in Superlative beschreiben.
    ⇒ Wir müssen unsere Kunden emotional ansprechen und abholen.
  • Wir müssen unsere (Personal-)Ressourcen auswringen, um so billig wie nur möglich zu sein.
    ⇒ Wir müssen so auftreten, dass wir als „woke“ und umweltbewusst wahrgenommen werden.

Andere wiederum sind Evergreens und gelten als alternativlos (mein persönliches Unwort des Jahrtausends):

  • Unternehmen müssen wachsen und expandieren.
  • Unternehmen benötigen eine Aufbauorganisation.
  • Unternehmen benötigen Leitende.

Kritischer Rationalismus: „konstruktiv“ und „lösungsorientiert“ neu definiert

Der Kritische Rationalismus (KR) ist von Karl Popper († 1994) begründet und ist nicht einfach nur eine Theorie, sondern an sich eine Lebenseinstellung. Eine, die zugibt – und darauf setzt – dass wir uns irren können und irren werden.

Wenn ich es richtig verstanden habe, schließt KR nicht aus, dass es tatsächlich eine allgemeingültige Wahrheit existieren kann. Eine Frage, die für mich persönlich gänzlich irrelevant erscheint: Ich weiß es nicht und das interessiert mich auch nicht. Denn ich stimme mit der Conclusio von KR überein und das ist das Einzige, was für mich relevant ist:

Wir Menschen sind in unseren Fähigkeiten begrenzt, die tatsächliche Wirklichkeit um uns herum gänzlich zu erfassen. Wir können somit nie wirklich wissen, ob unsere Erfahrungen und Meinungen mit der tatsächlichen Wirklichkeit übereinstimmen oder nicht.

Folglich ist jede Theorie – wissenschaftliche, religiöse oder esoterische – grundsätzlich nicht beweisbar. Folglich ist es höchst wahrscheinlich vertane Zeit, Kosten und Mühe, Theorien beweisen zu wollen.

Was bleibt Ihnen dann übrig? Viel!

Sie können nämlich versuchen herauszufinden, ob und wo Ihre Theorien fehlerhaft sein könnten und wie Sie entdeckte Fehler beseitigen könnten. Wenn Sie so vorgehen, dann sind Sie nicht nur wahrhaftig konstruktiv und lösungsorientiert …

… sondern Sie sorgen darüber hinaus dafür, dass das „Münchhausen-Trilemma“ Ihnen erspart bleibt!

KR in der praktischen Arbeit mit Unternehmen

Zur Verdeutlichung nehmen wir die Aussage „Unternehmen müssen wachsen und expandieren“, die (fast) alle Marktteilnehmer als absolut wahr akzeptieren. Sie auch? Viele im Markt beobachtbaren Dienstleistungen bauen logisch hierauf auf: Vertriebsmitarbeiter werden geschult oder Marketing-Kampanien werden entworfen. Und es werden „KPI“ definiert, um zu „beweisen“, dass man den richtigen Weg gewählt hat.

Ist es wahr, dass Ihr Unternehmen, das meine Beratung in Anspruch nimmt, wachsen muss? Das weiß ich nicht! Das interessiert mich nicht! Worum geht es mir stattdessen? Ich möchte viel lieber von Ihnen wissen: Nehmen wir an, dass Ihre These wahr ist und Sie es schaffen, zu wachsen. Was genau wird Ihrer Meinung nach dadurch bewirkt? Ich erhalte womöglich die Antwort:

  • „Durch die erzielbaren Kosteneinsparungen aufgrund Größenvorteile wird unsere ‚EBITDA‘-Marge steigen“.

Na, das hört sich schon viel besser an! Damit kann ich arbeiten. Denn:

Eine brauchbare These beinhaltet bereits den Hinweis, woran Sie eine fehlerhafte oder unzureichende Theorie erkennen könnten. (Vgl. „Falsifizierbarkeit“ nach Karl Popper.)

Ich kann aber auch weiter nachhaken: Kann es vorkommen, dass Ihre EBITDA-Marge zwar steigt, aber die Steigerung mal mehr und mal weniger ausfällt? Was ist Ihre Theorie, die diese Bandbreite erklärt?

Nehmen wir nun an, dass wir bei der Analyse darüber stolpern, dass Ihre EBITDA-Marge trotz Wachstum rückläufig ist. Was wird dann passieren?

Wann ist konstruktiv und lösungsorientiert zu sein womöglich destruktiv?

Ohne eine „KR-Mindset“ ist die Gefahr riesig, dass Sie sich gegen Fakten immunisieren, weil Sie die vermeintliche Wahrheit nicht verwerfen wollen. Sie setzen dann den Expansionskurs unbeirrt fort. Zur Rechtfertigung werden Sie Sätze sagen wie „Ausnahmen bestätigen halt die Regel“.

Nein, tun sie eben nicht. Mit einer solchen Einstellung erzielen Sie keinen echten Fortschritt. Womöglich ganz im Gegenteil, denn eine beachtliche Anzahl von Unternehmen geraten gerade deswegen in Schwierigkeiten, oder gehen gar daran bankrott, weil sie zuvor unkontrolliert gewachsen waren.

Ihre vermeintlich konstruktive und lösungsorientierte Haltung wirkt sich dann destruktiv auf Ihr Unternehmen aus.

Ihr Unternehmen entwickeln Sie stabil weiter, wenn Sie nach einer Theorie streben, die die Ausnahmen eliminiert.

Und das ist das, was ich letztlich mache: Ich helfe Ihnen herauszufinden, wie das Ergebnis in Ihrem Unternehmen zustande kommt und was die Verantwortlichen in Ihrem Unternehmen zur Optimierung tun können.

Und im Rahmen dieser Überprüfung ist sehr wohl möglich, dass Sie sich deswegen (vorläufig) vom Wachstumsgedanken verabschieden.

Theorieüberprüfung im komplex-kausalen Umfeld

Bei der Überprüfung der These werden Sie zwangsläufig feststellen: Ihr Unternehmen funktioniert „komplex-kausal“!

Damit meine ich: Viele Ursachen verursachen viele Wirkungen, Wechselwirkungen und Rückkoppelungen. Und da Menschen involviert sind, hat diese Maschinerie ein „Innenleben“, das Sie nicht nach der Kausalität von Ursache und Wirkung erklären und steuern können. Sie müssen zusätzlich die Erkenntnisse der „systemischen Kausalität“ zurate ziehen, um weiterzukommen.

Wenn es um die Identifikation von relevanter Variablen handelt, sind Sie mit dem eigenen blinden Fleck konfrontiert. Wenn ich dazukomme, dann sind wir eine Person mehr mit einem Blick von außen und reduzieren die Wahrscheinlichkeit, dass etwas übersehen wird.

Aber warum sich mit wenigen Personen begnügen, wenn es doch zig, hunderte oder mehr Mitarbeiter-Gehirne vorhanden sind, die mitdenken könnten?

Und genau das ist der Grund, warum ich im Rahmen meiner „A.D.L.E.R.-Methode“ am liebsten alle Mitarbeitenden Ihres Unternehmens einbinden würde. Die, die das Glas halb voll sehen, sind mir genauso willkommen wie die, die es als halb leer wahrnehmen.

Bremser und Klagende sind sehr wohl konstruktiv und lösungsorientiert – nur anders

Und auch die, die ihre Aufmerksamkeit gar nicht auf den Wasserstand haben, sondern stattdessen sich darüber aufregen wollen, dass das Glas schmutzig ist oder einen Sprung hat, sind mir genauso herzlich willkommen! Denn:

Die Relevanz einer Beobachtung können Sie nur/erst dann für sich einschätzen, wenn Sie Kenntnis davon bekommen!

Und hier schließt sich der Kreis und wir sind wieder bei den vermeintlichen „Bremsern“ und „Klagenden“, die angeblich nicht konstruktiv und lösungsorientiert seien. Sie sind nämlich nicht selten der Schlüssel zur Identifikation von systemimmanenten Fehlern und zur Erarbeitung von guten Lösungshypothesen.

Fakten versus Intuition oder Bauchgefühl

Apropos Lösungshypothese, zum Schluss bleibt noch eine Frage zu klären, die ich wie folgt plakativ demonstrieren möchte:

Nehmen wir an, Ihre Mitarbeitenden erarbeiten eine Lösungshypothese „A“. Zur Validierung der These werden alle relevanten (Risiko-) Faktoren systematisch erfasst und mögliche Szenarien stochastisch modelliert.

Das Ergebnis dieser Arbeit unterstreicht die (wahrscheinliche) Richtigkeit von „A“.

Sie selbst haben aber die Lösungshypothese „B“ vor Augen, die nicht von harten Fakten gestützt wird. Sie erwidern jedoch: „Nicht nur mein Bauchgefühl sagt, dass Weg B richtig ist, darüber hinaus zuckt auch mein rechtes Ohrläppchen. Aus Erfahrung weiß ich: Wenn das passiert, kann ich ganz sicher sein.“

Was jetzt?

Nun, das ist m. E. nicht wirklich viel anders als die obige These bezüglich des Umsatzwachstums. Auch hier kann ich wohl kaum wissen, ob Ihre These sich für Ihr Unternehmen als wahr herausstellen wird oder nicht. Daher würde ich auch hier stattdessen Ihre Aufmerksamkeit auf Konsequenzen möglicher Fehler lenken und womöglich empfehlen:

Mit Blick auf die Haftungsrisiken, die sich aufgrund der Einführung von StaRUG zum 1.1.2021 ergeben, empfiehlt es sich, nicht va banque zu spielen, sondern sich stattdessen eine kreative Versuchsecke einzurichten.

Fazit:

  • Wenn andere Sie auf einen (Logik-)Fehler aufmerksam machen, können Sie hoffen oder sich wünschen, dass sie dabei Ihr Wohl vor Augen haben.
  • Sie können hoffen oder sich wünschen, dass sie gewaltfrei und nicht übergriffig mit Ihnen kommunizieren.
  • Und Sie können sogar hoffen oder sich wünschen, dass sie nicht nur auf den Fehler aufmerksam machen, sondern Ihnen darüber hinaus einen Alternativvorschlag unterbreiten.

Das alles ist jedoch m. E. „nice to have“ – gewünscht, aber nicht notwendig. Denn Sie auf einen möglichen Fehler aufmerksam zu machen, ist bereits der größte Dienst, den jemand Ihnen leisten kann.

  • Wenn Sie eine wohlwollende Haltung der Person wahrnehmen, aber den Hinweis nicht als relevant erachten, dann ist ihre Initiative für sich genommen anerkennenswert.
  • Stellt sich der Hinweis als möglicherweise brauchbar heraus, dann hat die Person es auf jeden Fall verdient, von Ihnen gelobt und in ihr Verhalten gestärkt zu werden.
  • Wer weiß, vielleicht stellen Sie eines Tages überrascht fest, dass Sie Menschen wertzuschätzen gelernt haben, die Sie früher als „Bremser“ und „Klagende“ wahrnahmen.

Und wer weiß, vielleicht erleben Sie infolge, dass diese Personen sich künftig immer häufiger motiviert fühlen, Ihre obigen Wünsche zu erfüllen.


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Kommentare

5 Kommentare zu „Ist konstruktiv und lösungsorientiert zu sein womöglich destruktiv?“

  1. Danke Kourosh für diese wertschätzende Haltung zu meiner quasi Kritik, sodass gleich etwas Nützliches daraus abgeleitet wird.

    Mich hätte aber schon interessiert was ein Installateu:in dazu sagen würde ;-)

    1. Ich darf mutmaßen: “Da ich Sie gerade daran habe Herr Ghaffari, wir haben aktuell XY im Angebot. Ich habe überhaupt nichts dagegen, dass Sie mir ‘hierarchisch’ einen Auftrag erteilen. Und sollte ich meinen Job gut machen, dann habe ich weder was gegen ein Lob in Form einer guten Bewertung, noch was gegen ein Lob in Form eines Folgeauftrages.” :)

  2. Love it, diese Ehrlichkeit! Danke dafür, Kourosh Ghaffari! Könnte aus diesem Beitrag ein Buch entstehen? ????
    Mein Senf dazu gleich auf ein kl. Detail achtend ????:
    Was mich in diesem Artikel und auch in unseren Gesellschaft stört ist das m.E. oft und unbedacht genutzte Wort Lob.

    Es hat sich bei uns gesellschaftlich nun einmal so eingeprägt, dass Lob das Vorhandensein einer Hierarchie meint, eine Note gibt, bewertet, sprich „das hast Du gut gemacht!“ meinend „das war grad meinen Bedürfnissen entsprechend!“. Oder: „Das ist ein gutes Buch, das Du geschrieben hast!“.

    Alles ok, wenn es von einem Experten kommt, dessen Meinung für mich hilfreich sein kann, aber nicht von jemand der z.B. selbst nie ein Buch geschrieben hat. Da will ich kein Lob von dieser Person und seine Meinung wäre höchstens nett, auch wenn etwa von oben herab. Da wären mir Ich-Sätze anfangend mit „Für mich ist es…“ lieber.

    Wenn ein Lehrer dem Schüler Lob auspricht, ist alles fein. Wenn es unter zwei Personen geschieht, die in keinem hierarchischen Verhältnis stehen (Lehrer-Schule, Experte-um Rat Fragende, Vorgesetzter-Azubi) ist es m.E. unangebracht.

    Um weniger wie Nabel der Welt zu wirken, wären
    Wörter wie Anerkennung oder Wertschätzung m.E.

    1. Die Kritik w/ Lob ist m.⁠E. absolut berechtigt. Denn so wie Lob i.⁠d.⁠R. angewendet wird, startet und endet es damit, dass wir uns damit begnügen, der Person mitzuteilen, was oder wer sie aus unserer Sicht ist. („Ich finde es gut, dass du konstruktiv bist.“). Und ja: nicht selten kommt (unbewusst) eine “hierarchische” innere Haltung dazu à la: „Na, das hast du aber fein gemacht mein kleiner“.

      “Anerkennung”, “Lob” und “Wertschätzung” verwende ich hier als Platzhalterbegriffe, um den Zweck der Kommunikation zielgenauer beschreiben und differenzieren zu können. Siehe Text, z.⁠B. für Lob blende ich diese Definition ein: „Mein ‘Lob’ bezieht sich auf das Ergebnis der Tat der Person, das für mich wertvoll erscheint.“

      Die Formel der „Gewaltfreien Kommunikation“ hilft durchaus hierbei weiter, um so zu loben, damit die Person 1) tatsächlich was damit anfangen kann, i.⁠e. warum das Ergebnis der Tat für mich wertvoll ist und 2) es (hoffentlich) nicht als eine hierarchische Aussage wahrnimmt.

      Also: Dadurch, dass du es thematisiert hast, wurde mir bewusst, dass der geneigte Leser wohl kaum wissen kann, dass meine innere Haltung dazu von der Norm abweicht. So habe ich die Möglichkeit bekommen, die Erläuterung hiermit nachzuliefern. Danke dir sehr dafür liebe Valentina.

      Und wie hoffentlich deutlich zu erkennen ist: Diese Aussage ist wahr für mich unabhängig davon, ob sie von Prof. Dr. Dr. Expert:in für germanistische oder soziologische Fragestellungen o.⁠Ä. oder von meiner Installateur:in stammt.

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