Gesellschaft ist gespalten und marschiert in unterschiedlichen Richtungen
Debatten- und Streitkultur: Eine Gemeinschaft ist gut beraten, sich „um die Sache“ streiten zu können. Um argumentativ zu überzeugen oder überzeugt zu werden.
Debatten- und Streitkultur: Eine Gemeinschaft ist gut beraten, sich „um die Sache“ streiten zu können. Um argumentativ zu überzeugen oder überzeugt zu werden.

Übersichtsseite Fachbeiträge

Fehlende Debatten- und Streitkultur: Unser aller Versagen bei großen Themen

14 Min.

Streitkultur: Eine Gemeinschaft tut gut daran, „um die Sache“ streiten zu können. Die innere Haltung dabei: Wir wollen andere mit Argumenten überzeugen oder überzeugt werden. Streitkultur ist also nur die eine Hälfte. Die andere Hälfte ist Debattenkultur: überzeugend argumentieren wollen und können!

Wir lesen immer wieder, dass wir in der Gesellschaft im Allgemeinen und in der Wirtschaft und Politik im Besonderen eine Streitkultur brauchen. Dem stimme ich voll und ganz zu.

Laut Wikipedia bedeutet Streitkultur: Den eigenen Standpunkt mit Worten und Medien vertreten zu können, ohne dem anderen abzusprechen, dass er auch einen abweichenden Standpunkt hat und haben darf.

Wozu dient eine Streitkultur?

Wenn Sie eine Streitkultur haben, dann ist für Sie „Streit um die Sache“ grundsätzlich positiv besetzt. Denn Sie sind davon überzeugt, dass Streit grundsätzlich etwas Positives bewirken kann: Er stellt den Status quo in Frage und sucht nach besseren Alternativen.

Wenn es Ihnen um das Ergebnis geht, also darum, dass etwas Positives herauskommt, dann ist es viel wahrscheinlicher, dass Sie nicht nur Ihren eigenen Standpunkt vertreten, sondern auch der anderen Seite respektvoll zuhören, um ihren Standpunkt und ihre Argumente besser zu verstehen.

Für Sie ist es kein Widerspruch, leidenschaftlich für Ihren Standpunkt zu kämpfen und sogar zu hoffen, die andere Partei mit Ihrer Leidenschaft anzustecken, und gleichzeitig zu versuchen, gut zu argumentieren, um die andere Partei zu überzeugen.

Diese innere Einstellung erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Ihr Konflikt mit einer Einigung durch Überzeugungsarbeit und nicht mit dem Sieg der einen und der Niederlage der anderen Partei endet.

Aber selbst wenn die Beteiligten an sich über eine Streitkultur verfügen, gilt leider: Je größer und komplexer das zu behandelnde Thema ist, desto unwahrscheinlicher ist es, dass die Parteien eine Einigung anstreben – geschweige denn, dass sie sie tatsächlich erreichen. Dies hat meines Erachtens folgende Gründe:

  1. Viele von uns kennen die Regeln nicht, um eine zielführende Debatte auf der Grundlage einer überzeugenden Schlussfolgerung zu führen.
  2. Vielen von uns fällt es sehr schwer, eine These, die auf einer verallgemeinernden Schlussfolgerung beruht, nicht mit einem Pauschalurteil zu verwechseln.
  3. Vielen von uns fällt es sehr schwer, in der Einzelfallbetrachtung zwei sich widersprechende Beobachtungen nebeneinander stehen zu lassen und die daraus resultierende Dissonanz auszuhalten.

Streitkultur und die Kunst, überzeugend zu schlussfolgern

Wenn wir uns über ein Thema austauschen wollen, betrachten wir es „von oben“ und greifen dabei – bewusst oder unbewusst – auf alle Informationen und Erfahrungen zurück, die uns zur Verfügung stehen. Wenn wir Themen „von oben“ betrachten, versuchen wir, Muster zu erkennen, die uns helfen können, vorherzusagen, was wir wahrscheinlich in zukünftigen Einzelfällen zu erwarten haben.

Und das hat einen guten und berechtigten Grund: Es hilft uns, auf schwierige Situationen vorbereitet zu sein. Es hilft uns auch, eine These aufzustellen, wie wir in Zukunft immer wieder beobachtbare Problemsituationen lösen können.

Wenn man eine These nicht nur für sich selbst aufstellt, sondern sie auch mit anderen teilt, dann tut man das – bewusst oder unbewusst – immer nur, weil man von den anderen etwas erwartet: Man will, dass die anderen daraufhin etwas tun oder unterlassen. Um dieses Ziel zu erreichen, sollten Sie so argumentieren, dass Ihr Argument für andere überzeugend ist.

Regel Nr. 1: Wenn Sie die Person sind, die argumentiert, ist es Ihre Pflicht, überzeugend zu argumentieren. Aber ob Ihr Argument überzeugend ist, entscheidet Ihr Adressat für sich – niemals Sie für ihn! Ihr Adressat hat also das Recht, Ihr Argument als (für ihn) nicht überzeugend zurückzuweisen.

Es gibt verschiedene Aspekte, auf die sich die Aufmerksamkeit des Empfängers konzentrieren kann:

  • Die Wertigkeit der Prämissen: Wie relevant sind Ihre Prämissen für die Argumentation? Wie wahrscheinlich ist es, dass sie wahr sind?
    • In der Logik ist eine Prämisse eine Voraussetzung oder Annahme. Sie ist eine Aussage, aus der eine logische Schlussfolgerung gezogen wird.
  • Mechanismen Ihrer Schlussfolgerung: Begründen Ihre Prämissen die Schlussfolgerung überhaupt? Sind aufgrund dieser Prämissen auch andere Schlussfolgerungen möglich?

Als Person, die ein Argument vorbringt, haben Sie Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit, dass Ihr Argument überzeugt. Denn es gibt Regeln für gute Argumente.

Leider haben sich viele von uns noch nie mit diesem Thema beschäftigt oder haben es nicht auf dem Radarschirm, wenn sie argumentieren. Zum Beispiel mit der Frage: Wie bildet und analysiert man die drei häufigsten Schlussfolgerungen?

  • Kausale Schlussfolgerungen,
  • verallgemeinernde Schlüsse und
  • Analogieschlüsse?

Werbung in eigener Sache:

Wenn Sie Ihre Kenntnisse im Bereich des kritischen Denkens vertiefen oder auffrischen möchten, besuchen Sie meinen Online-Kurs „Logisch schlussfolgern, überzeugend argumentieren“ an.

Wenn Ihr Adressat Ihr Argument als nicht überzeugend zurückweist, hilft es nicht, es ständig zu wiederholen. Sie müssen dann Ihre Schlussfolgerung schwächer (!) formulieren (mehr dazu im Kurs) oder neue Prämissen finden und aufführen, um Ihr Argument zu stärken. Und dass Sie genau das Gegenteil erreichen, wenn Sie persönlich werden und den Adressaten beschimpfen, versteht sich von selbst.

Hält der Adressat Ihr Argument hingegen für stark und sind Ihre Prämissen (wahrscheinlich) wahr, dann ist Ihr Argument für ihn überzeugend.

Regel Nr. 2: Die Stärke und Überzeugungskraft Ihres Arguments sagt nicht unbedingt etwas über die Wahrheit Ihrer Aussage aus. Es gilt: Auch das stärkste und überzeugendste Argument kann sich später als falsch erweisen!

Unwägbarkeiten bei der Kommunikation aufgrund einer Schlussfolgerung

Als Adressat eines Arguments benötigen Sie in erster Linie relevante Informationen, um beurteilen zu können, inwieweit die Prämissen die Schlussfolgerung stützen. Hier helfen natürlich fundierte Zahlen, Daten und Fakten.

Aber auch eine Meinung oder ein Bauchgefühl kann als starke Prämisse wahrgenommen werden. Dies ist z.B. der Fall, wenn Sie Neuland betreten und die einzige Ihnen zur Verfügung stehende Information die Meinung eines ausgewiesenen Experten ist, dem Sie vertrauen wollen.

Apropos ausgewiesener Experte: Es macht schon einen Unterschied, ob zum Beispiel ein renommierter Virologe seine Einschätzung über die Gefährlichkeit eines neuen Virus abgibt oder der kaufmännische Angestellte Max Mustermann!

Ich darf aber an dieser Stelle an Regel Nr. 2 erinnern: Es geht nur um die Überzeugungskraft des Arguments, die nicht mit der Wahrheit verwechselt werden darf: Die These von Max Mustermann kann sich später als wahr herausstellen und die des Experten als falsch.

Was passiert, wenn zwei renommierte Experten zwei gegensätzliche Argumente vorbringen und aussagekräftige Zahlen und Daten nicht verfügbar sind oder keine eindeutige Schlussfolgerung zulassen?

Dies ist der Übergang zu den Gründen, warum ich behaupte, dass je größer und komplexer das zu behandelnde Thema ist, desto unwahrscheinlicher ist es, dass die Parteien eine Einigung anstreben.

Zahlen sind eingebettet in Wahrscheinlichkeiten

Standardnormalverteilung, auch Gaußsche Verteilung oder Glockenkurve.

Wenn wir einen Blick in die Zukunft werfen wollen, dann betrachten wir nur Eintritts-Wahrscheinlichkeiten – niemals Fakten oder Wahrheiten.

Und die Folgen des Eintretens bewegen sich in möglichen Bandbreiten.

So kann z. B. der Eintritt eines Ereignisses sehr unwahrscheinlich sein, seine Folgen aber verheerend und existenzbedrohend.

Sie haben die Wahl:

  • Sie können Ihre Entscheidung danach ausrichten, dass der Eintritt des Ereignisses sehr unwahrscheinlich ist und sich deshalb dafür entscheiden, das Risiko einzugehen.
  • Oder Sie entscheiden sich dafür, das Risiko nicht einzugehen, weil die möglichen Folgen verheerend sein könnten.

Abgesehen von gesetzlichen und vertraglichen Bestimmungen ist es Ihr gutes Recht, diese Entscheidung souverän für sich zu treffen. Und es ist Ihre Pflicht, die Konsequenzen Ihrer Entscheidung zu tragen.

Zwei Beispiele aus dem Unternehmensumfeld sollen dies verdeutlichen:

1) Verlagerung der eigenen Produktion in ein Niedriglohnland – ggf. unter Beteiligung eines lokalen Joint-Venture-Unternehmens.

  • Entscheidet sich der Unternehmer dafür, kann er mit hoher Wahrscheinlichkeit mit Wettbewerbsvorteilen durch niedrigere Produktionskosten rechnen.
  • Andererseits besteht ein gewisses Risiko der Erpressbarkeit durch einseitige Abhängigkeiten, existenzbedrohende Lieferengpässe durch politische Ereignisse, geringere Einflussnahme auf Leistungsqualität und Arbeitsbedingungen vor Ort, Innovationsdiebstahl etc. Faktoren, die bei Eintreten zu Kostensteigerungen führen.
  • Der Unternehmer, der sich für eine Verlagerung entscheidet, gewichtet die wahrscheinlich realisierbaren Vorteile deutlich höher als die Risiken, deren Eintreten er als eher unwahrscheinlich und/oder deren Folgen er als eher vernachlässigbar einschätzt.

2) Die Prognosen der Marktexperten für den Mobilfunkmarkt sahen damals wie folgt aus

  • Man steigert sicher den Absatz und verdient zumindest eine auskömmliche Marge, wenn man den Bedürfnissen der Verbraucher entgegenkommt: Handys sollen immer handlicher und günstiger werden und immer länger ohne Aufladen auskommen.
  • Dann kam Apple und drückte den Konsumenten sehr erfolgreich ein unhandliches Gerät zu einem horrenden Preis in die Hand, das alle paar Stunden aufgeladen werden musste.
  • Nach damaliger Logik eher unwahrscheinlich, dass das Konzept aufgehen würde. Warum ging Apple diese Wette ein? Vielleicht weil sie dachten: Wenn die Wette aufgeht, können wir mit einer sehr hohen Gewinnmarge rechnen und den Markt nach unseren Vorstellungen gestalten.

Weiterführende Lektüre:

Apropos rechtliche Aspekte, mit Verweis auf meinen Beitrag „Risikomanagement: Pflichten der GmbH-Geschäftsführung seit dem 01.01.2021“ möchte ich Ihnen empfehlen, künftig bei strategischen Entscheidungen die Chancen und Risiken Ihrer Entscheidungen deutlich bewusster abzuwägen und Ihre Entscheidungsfindung für Dritte nachvollziehbar zu protokollieren.

Egozentrismus der Beteiligten

Anderen eine abweichende Meinung zugestehen? Mitnichten!

Vielleicht irre ich mich, aber ich glaube, dass die fehlende Streitkultur sogar nur die Spitze des Eisbergs ist. Denn ich glaube beobachten zu können, dass das Zeitalter der Social Media (SoMe) uns Menschen nachhaltig verändert:

Egoistischer junger Mann deutet mit den Fingern auf sich selbst
  • Wir gewöhnen uns immer mehr daran, dass immer mehr Menschen ständig „auf Sendung“ sind und nach Reichweite und Aufmerksamkeit streben – statt nach Erkenntnis.
  • Dass sie ihre eigene Perspektive als Maßstab nehmen, um andere Menschen daran zu messen und über sie Werturteile zu fällen.
  • Dass für sie die eigene emotionale Betroffenheit etwas ist, was andere böse Menschen ihnen antun und dass sie deshalb ein Recht darauf haben, dass diese bösen Menschen damit aufhören und dass jemand „da oben“ dafür sorgt, dass sie notfalls mit Platzverweis bestraft werden.

Und noch etwas verändert das SoMe-Zeitalter nachhaltig: Unsere Sätze werden immer kürzer und unsere Argumente immer banaler. Unsere Twitter-konformen „Ich Tarzan, du Jane!“-Sätze mögen zwar Basisinformationen transportieren, um gemeinsam einen Meter geradeaus zu gehen, aber sie sind schlicht ungeeignet, um über komplexe Fragen zu streiten, die immer häufiger über SoMe-Plattformen ausgetragen werden.

Kurz: Wir gewöhnen uns als Gesellschaft systematisch das kritische (Mit-)Denken ab und konsumieren lieber bekömmliche Belanglosigkeiten.

Ein typischer Vertreter des heutigen SoMe-Zeitalters geht, provokativ und plakativ formuliert, so vor, wenn er ein Argument vorbringt:

  • Er knallt anderen mit knappen Worten einfach eine Schlussfolgerung vor die Füße, die er selbst irgendwo aufgeschnappt hat und nun nachplappert. Die zugrundeliegenden Prämissen proaktiv klären und begründen? Keine Chance! Denn wahrscheinlich kennt er sie gar nicht, weil er sich noch nie damit beschäftigt hat. Oder er hat keine Lust, viel Text zu schreiben und sich dafür Zeit zu nehmen.
  • Er geht davon aus, dass sein Argument nicht nur wahrscheinlich, sondern auch wahr ist und dass seine Position die einzige moralisch legitime Sichtweise darstellt. Er glaubt, dass er ein Recht darauf hat, dass der Adressat überzeugt ist und ihm zustimmt.
  • Wenn der Adressat ihn darauf aufmerksam macht, dass seine Prämissen falsch sein könnten, oder dass seine Prämissen auch andere Schlussfolgerungen zulassen, die der Adressat für sich für wahrscheinlicher hält, oder …, dann wird er nicht nachdenklich, sondern wütend und persönlich beleidigend.

Und so verhält er sich als Adressat der Argumente anderer:

  • Er abonniert die Medien, die das schreiben, was er lesen will, denn das gibt ihm das gute Gefühl, auf der (moralisch) richtigen Seite zu stehen und die wahren Argumente der Sieger zu vertreten.
  • Wenn er auf ein Argument stößt, das ihm nicht gefällt, geht er dem nicht aus dem Weg, noch geht er darauf ein. Stattdessen wird er wütend und persönlich beleidigend.
  • Routiniert wendet er die gängigen Fallazien und rhetorischen Manipulationstechniken an, um in diesem Schlagabtausch den Sieg davonzutragen.

Wenn man sich das bewusst macht, wundert man sich nicht mehr darüber, dass SoMe-Beiträge zu den großen und komplexen Themen unserer Zeit in der Regel dazu führen, dass sich anschließend Hunderte in den Kommentaren gegenseitig beschimpfen.

Streitkultur und die unrühmliche Rolle von Experten und Journalisten dabei

Auch Experten und Journalisten sind nur Menschen. Es ist daher nicht verwunderlich, dass auch sie in die oben beschriebenen Fallen tappen. Darüber könnte man geflissentlich hinwegsehen, wenn da nicht das Problem wäre, dass sie eine enorm wichtige Rolle spielen, wenn es um große und komplexe Themen geht.

In solchen Fällen sind die Experten die einzige Quelle für Lösungshypothesen, und die Entscheidungsträger müssen sich auf ihre Fachkenntnisse und ihr professionelles Verhalten verlassen können.

Weiterführende Lektüre:

Auf die Problematik der mangelnden Streitkultur unter Experten gehe ich im Beitrag „Ist konstruktiv und lösungsorientiert zu sein womöglich destruktiv?“ ein und beleuchte kritisch deren Herangehensweise an Themen.

Die Journalisten sind die Instanz, die den Experten und Entscheidungsträgern bei ihrer Arbeit auf die Finger schauen und gegebenenfalls auch auf die Finger hauen sollte. Die Gesellschaft muss sich darauf verlassen können, dass sie ihr Handwerk beherrschen und professionell handeln. Und genau hier setzt meine Kritik an, denn diese Instanz ist derzeit bei großen und komplexen Themen weitgehend vakant – weltweit.

Gelegentlich verfolge ich Debatten unter Journalisten. Ein Thema, über das sie leidenschaftlich und kontrovers diskutieren, ist die Neutralitätsgebot der Medien:

„Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er Distanz zum Gegenstand seiner Betrachtung hält; dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache; dass er immer dabei ist, aber nie dazugehört.“

Hanns-Joachim Friedrichs

Die Realisten hingegen weisen darauf hin, dass Journalismus ein Geschäft ist und auf Einschaltquoten und Klicks angewiesen ist. Und dass er sich deshalb den gleichen Herausforderungen stellen muss wie jedes andere Unternehmen auch: einer erfolgreichen Positionierung und einem zielgruppengerechten Marketing.

Der Konsument wählt den Anbieter, der seine Stimme und seine Werte vertritt. Der Konsument erwartet also als Dienstleistung eine bekömmlich aufbereitete, fundierte Meinung, die er dann auf der nächsten Party, im Kollegenkreis oder im nächsten SoMe-Beitrag einbringen kann.

Wie die Medien versuchen, diese beiden gegensätzlichen Anforderungen zu vereinen, lässt sich in den hiesigen politischen Talkshows gut beobachten. Da werden Vertreter gegensätzlicher politischer Parteien eingeladen. Das ist dem Gebot der Neutralität geschuldet. Der Moderator führt ein lockeres Gespräch mit dem ihm genehmen Gast. Dieser Gast hat die Möglichkeit, seine Gedanken ungestört und ausführlich darzulegen. Im Gegensatz dazu wird jeder Satz des Gastes, der nicht gefällt, ständig aggressiv unterbrochen. Das ist dem Zielgruppenmarketing geschuldet.

Das alles geht leider an der eigentlichen Vakanz vorbei, die ich mit diesem Beispiel plakativ verdeutlichen möchte: Experte A bezieht sich auf die Studie X und schlägt einen Maßnahmenkatalog vor. Experte B bezieht sich auf Studie Y und schlägt einen gegensätzlichen Maßnahmenkatalog vor.

Es hilft den Entscheidungsträgern in Wirtschaft und Politik und uns betroffenen Bürgern sicher nicht weiter, wenn der eine Experte und seine Studie zielgruppengerecht verrissen und der andere über den grünen Klee gelobt wird. Und es hilft auch nicht weiter, sich „neutral“ zu verhalten und die Aussagen beider Experten unkommentiert wiederzugeben.

Vakant ist eine Instanz, die hilft, die Wertigkeit der Prämissen und die Herleitungsmechanismen der beiden Maßnahmenkataloge zu beurteilen: Wie seriös und vor allem unabhängig sind die beiden Studien, die als Prämissen angeführt werden? Wie handwerklich sauber sind sie durchgeführt worden? Begründen die Aussagen der Studien die Maßnahmenkataloge, die die beiden Gutachter daraus ableiten?

Die anschließende Entscheidung, welches Argument ich für mich als stärker und überzeugender ansehe, kann dann getrost mir als Individuum überlassen werden. Diese Dienstleistung wird derzeit eher von privaten YouTube-Kanälen als von etablierten Medien erbracht.

Fazit:

  • Gerade bei den großen Themen muss es darum gehen, argumentativ überzeugen zu wollen und sich überzeugen zu lassen. Denn sie entscheiden über den zukünftigen Zusammenhalt und sozialen Frieden der Gesellschaft.
  • Und genau hier scheinen wir alle auf ganzer Linie zu versagen. Wir alle: Bürger, Politiker, Experten und Journalisten. Uns allen scheint es im Großen und Ganzen an Streitkultur zu mangeln. Uns fehlt das Handwerkszeug, die Argumente anderer kritisch zu hinterfragen und selbst logisch und schlüssig zu argumentieren. Uns fehlt eine Debattenkultur.
  • Die Chance, eine Debatten- und Streitkultur in Ihrem Umfeld zu etablieren, werden Sie als Individuum wesentlich positiv beeinflussen, indem Sie bei sich selbst beginnen und Ihr eigenes Verhalten kritisch reflektieren. Indem Sie sich das Handwerkszeug des „kritischen Denkens“ aneignen.
    • Je mehr Sie als jemand wahrgenommen werden, der zivilisiert und logisch argumentieren kann, desto wahrscheinlicher ist es, dass Ihr Gegenüber Ihnen zuhört und sich von Ihren Argumenten überzeugen lässt.
  • Wie in der angelsächsischen Welt üblich, würde ich mir „kritisches Denken“ als Schulfach wünschen – durchgängig von der Grundschule bis zur Universität. So hat zumindest die nächste Generation die Chance, die Denkmuster von Experten, Politikern, Medien und den eigenen Eltern von klein auf kritisch zu hinterfragen.

Dieser Beitrag enthält verallgemeinernde Schlussfolgerungen. Ob Sie die Schlussfolgerungen überzeugend finden und im Einzelfall auf sich persönlich anwenden wollen, müssen Sie selbst entscheiden. Im nächsten Beitrag werde ich auf einige Schwierigkeiten in diesem Zusammenhang eingehen:

  • Vielen fällt es schwer, eine verallgemeinernde Schlussfolgerung und die Einzelfallbetrachtung gedanklich voneinander zu trennen und bei der Einzelfallbetrachtung zwei sich widersprechende Beobachtungen nebeneinander stehen zu lassen und die daraus resultierende Dissonanz auszuhalten.

Autor:

Bleiben Sie informiert über neue Fachbeiträge, Kurse oder Veranstaltungen

eBooks, Hörbücher, Podcasts:

Titelbilder der beiden eBooks bei bookboon.com
→ bookboon.com

Um Ihre Prozesse & den menschlichen Faktor zu beherrschen und Ihre Profitabilität nachhaltig zu steigern, benötigen Sie ein gutes Gefühl dafür, wie einzelne Themen miteinander verbunden sind. Im Beitrag “Menschen, nicht Software, optimieren Prozesse!” habe ich daher für Sie visualisiert, wie Themen meiner bisherigen Fachbeiträge und Publikationen miteinander verbunden sind. Werfen Sie bitte einen Blick rein!

Kommentare

2 Kommentare zu „Fehlende Debatten- und Streitkultur: Unser aller Versagen bei großen Themen“

Kommentar verfassen

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Bleiben Sie informiert über neue Fachbeiträge, Kurse oder Veranstaltungen

Scroll to Top