In der Grexit-Debatte läuft gewaltig was schief zwischen Griechenland und der Troika. Was genau und welche Lehren können Unternehmen daraus ziehen?
Das Kommunikationsmodell – Kurzeinführung
Damit wir uns über das Thema Kommunikation austauschen können, benötigen wir ein gemeinsames Vokabular. Dazu führe ich das Kommunikationsmodell („Vier-Ohren-Modell“) nach Schulz von Thun als Ordnungsrahmen ein. Die Theorie in wenigen Worten:
Jede Äußerung von A gegenüber B enthält vier Botschaften, die gleichzeitig übermittelt werden:
gbcc-Akademie mit neuem Inhalt!

- Persönlichkeitsentwicklung:
Warum ticke ich so, wie ich ticke? Und was nun? - Mitarbeiterführung:
Leitende Tätigkeiten braucht jedes Unternehmen – aber nicht zwingend Hierarchien! - Prozessmanagement:
Silodenken überwinden, professionell & produktiv zusammenarbeiten! Geht das? - Kommunikation:
Warum reden wir aneinander vorbei und was können wir dagegen tun?
- eine Sachinformation (worüber A informieren möchte)
- einen Beziehungshinweis (was A von B hält und wie A zu B steht)
- eine Selbstkundgabe (was A von sich bewusst und unbewusst zu erkennen gibt)
- einen Appell (was A bei B erreichen möchte)
Was A sagt, ist nicht unbedingt das, was A tatsächlich meint! Was bei B ankommt, ist nicht immer deckungsgleich mit dem, was A eigentlich sagen wollte!
Ein bekanntes, von Schulz von Thun in seinem Hauptwerk Miteinander Reden zuerst verwendetes Beispiel ist ein Paar im Auto vor der Ampel. Die Frau sitzt am Steuer, und der Mann sagt „Du, die Ampel ist grün!“ Die Frau antwortet: „Fährst du oder fahre ich?“. Die Äußerung kann in dieser Situation auf den vier Ebenen folgendermaßen verstanden werden: als Hinweis auf die Ampel, die gerade auf Grün geschaltet hat (Sachebene); als Aufforderung, loszufahren (Appell-Ebene), als Absicht des Beifahrers, der Frau am Steuer zu helfen, oder auch als Demonstration der Überlegenheit des Beifahrers über die Frau (Beziehungsebene); als Hinweis darauf, dass der Beifahrer es eilig hat und ungeduldig ist (Selbstoffenbarung). So kann der Beifahrer das Gewicht der Nachricht auf den Appell gelegt haben. Die Fahrerin könnte die Aussage des Beifahrers dagegen als Herabsetzung oder Bevormundung auffassen. (Quelle: Wikipedia)
Für das Thema dieses Beitrages sind diese beiden Seiten von besonderer Relevanz: die Sachinformation und der Beziehungshinweis.
Welche Ebene der Kommunikation wird von welchem Land bevorzugt?
Die gesellschaftliche und kulturelle Prägung sorgt dafür, dass wir die eine Seite der Kommunikation besonders deutlich wahrnehmen.
In Deutschland beispielsweise kommuniziert man gerne auf der Sachebene. Die Sachinformation – also das, worüber man informieren möchte – besteht bevorzugterweise aus Zahlen-Daten-Fakten.

In vielen anderen Ländern dieser Welt kommuniziert man hingegen gerne auf der Beziehungsebene. Der Hauptzweck der Sach-Information – also das, worüber man informieren möchte – besteht nicht selten darin, einen Beziehungshinweis zu übermitteln.
So gesehen spielen Übertreibungen und falsche Angaben keine wirklich große Rolle, denn die Verwendung von Zahlen-Daten-Fakten sind reine Stilmittel zur Übertragung der eigentlichen Botschaft auf der Beziehungsebene.
Wenn also A auf eine haltlose Verallgemeinerung zurückgreift und den Satz mit „nie machts Du …“ anfängt, dann womöglich nur deswegen, um die in dieser Situation als intensiv empfundene Enttäuschung über das Verhalten von B zum Ausdruck zu bringen.
Wenn B darauf erwidert „nie stimmt doch gar nicht. Das habe ich höchstens 3x übersehen“, dann hat B den Grund der Kommunikation schlicht nicht verstanden.
Ahnen Sie bereits worauf das hinausläuft?
Internationale Tretminen – erfolgreich aneinander vorbeireden
Die Griechen kommunizieren fortlaufend über ihr Beziehungsproblem mit der Troika. Alexis Tsipras thematisiert das oft mit Anmerkungen wie uns unterwerfen, unsere Würde verletzen, uns demütigen etc.
Die Gegenseite kann nur mit dieser „Sach-Information“ wenig bis gar nichts anfangen.
Was die Gegenseite übersieht, ist folgendes: Für Menschen, die ihre Aufmerksamkeit auf der Beziehungsebene der Kommunikation haben, muss zu aller erst die Beziehungsebene stimmen. Erst danach fühlt man sich verstanden, entspannt sich und kann die Aufmerksamkeit auf Sachinhalte lenken.
Kurz: Für eine solche Person gibt es keine Veranlassung, sich weiter mit jemandem zu befassen, den man als gefühllos und eiskalt wahrgenommen hat.

Will die Troika erfolgreich mit den Griechen kommunizieren, muss sie die Beziehungsaussage verstärkt wahrnehmen und stabilisieren. Z.B. indem jemand, der die Beziehungssprache (und idealerweise auch die Landessprache) beherrscht, durch Zeitungs-Interviews und Teilnahme an TV-Diskussionsrunden das griechische Volk direkt auf der Beziehungsebene anspricht und es auf dieser Ebene abholt. *)
Was auf der anderen Seite die Griechen übersehen, ist folgendes: Für Menschen, die ihre Aufmerksamkeit auf der Sachebene der Kommunikation haben, muss zu aller erst die Sachebene stimmen.
Erst nachdem man die Argumente der anderen Person ernst nehmen kann, ist man entspannt und kann die Aufmerksamkeit auf die Beziehungsgestaltung zu dieser Person lenken.
Kurz: Für eine solche Person gibt es keine Veranlassung, eine Beziehung zu jemandem zu pflegen, der bei einem ernsten und dringenden Thema fortlaufend Quatsch verzapft.
Wollen die Griechen erfolgreich mit der Troika bzw. mit den Deutschen kommunizieren, müssen sie die Sachebene der Kommunikation verstärkt wahrnehmen und stabilisieren. Und apropos Teilnahme an Talkshows, ich glaube die griechische Seite tut sich keinen Gefallen, solche Vertreter zu stellen, die später in den Medien als »Quassel-Grieche« bezeichnet werden. Ich glaube, dass jemand wie Nikos Dimou viel leichter die Brücke zur deutschen Mentalität schlagen könnte. *)
Man sollte meinen, dass Spitzenpolitiker mit diesen internationalen Tretminen Erfahrung haben und an ihren Kommunikationstechniken arbeiten. Wohl falsch gedacht.
Die vier Ebenen der Kommunikation für international tätige Unternehmen
Die Relevanz dieser Problematik für das Tagesgeschäft von international tätigen Unternehmen liegt hoffentlich auf der Hand und bedarf keiner weiteren Erläuterung.
Wenn Sie also in der Vergangenheit auf unlogische Barrieren stießen, wenn Sie den Lieferverzug Ihres ausländischen Lieferanten thematisieren wollten, dann haben Sie nun einen Hinweis, wo Sie nach dem wahren Grund suchen können.
*) Nachtrag 6.7.2015 – Interessanter Zufall: Erstens weil in der aktuellen Spiegel-Ausgabe (28−2015) ein Interview mit Nikos Dimou abgebildet ist zum Thema Kommunikation zwischen Griechenland und Troika/Deutschland und zweitens weil er eine ähnliche Sicht vertritt, wie man die Kommunikation optimieren könnte.

