Personalmanagement: Ist Karriereplanung empfehlenswert? Was kauft ein Unternehmen mit „Karrieristen“ ein? Welche Alternativen zu Karrieristen gibt es auf dem Arbeitsmarkt?
Karriereberater propagieren gerne eine zielgerichtete Karriereplanung. Sie betonen, dass je präziser man zu Beginn der Karriere das Ziel definieren kann, desto klarer lässt sich der richtige Weg dorthin finden.
Diese Message kommt natürlich bei Karrieristen besonders gut an. Professor Lutz von Rosenthal: Bei den Karrieristen stehen vor allem zwei Dinge auf der Agenda: erfolgreich sein und Geld machen.
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- Persönlichkeitsentwicklung:
Warum ticke ich so, wie ich ticke? Und was nun? - Mitarbeiterführung:
Leitende Tätigkeiten braucht jedes Unternehmen – aber nicht zwingend Hierarchien! - Prozessmanagement:
Silodenken überwinden, professionell & produktiv zusammenarbeiten! Geht das? - Kommunikation:
Warum reden wir aneinander vorbei und was können wir dagegen tun?
Eine Karriere-Fokussierung kommt auch bei vielen Eltern gut an, die es mit ihren Kindern gut meinen und ihnen eine erfolgreiche Zukunft wünschen. Und das ganz unabhängig davon, ob das Kind selbst ein Karrierist ist, oder doch eher zu der Gruppe der Freizeit-Könige
oder Idealisten
zählt.
Was man erwarten kann, wenn diese Haltung in einer Gesellschaft fest etabliert ist, sieht man am Beispiel Japans: Die Karriereplanung beginnt – sofern die Eltern es sich leisten können – bereits mit den Vorbereitungskursen für die Aufnahmeprüfung des richtigen Kindergartens. Der richtige Kindergarten ist die Mindestvoraussetzung für die Aufnahme in die richtige Schule. Diese wiederum für die richtige Uni. Und diese für den richtigen Arbeitgeber.
Apropos Arbeitgeber und deren Personalmanagement: Diese Botschaft kommt interessanterweise auch bei den Personalverantwortlichen in den Unternehmen gut an.
Das wiederum ist für mich nur schwer nachvollziehbar. Dazu aber später mehr. Zuvor möchte ich kritisch beleuchten, ob diese Message eigentlich wahr ist.
Konkurrierende Lebensphilosophien im Überblick
Lebensbereich „Resultate erzielen“

Ist es etwa nicht wahr, dass ein gutes Ziel
- Kraft und Orientierung gibt und dafür sorgt, dass man in der Spur bleibt und Talsohlen durchsteht?
- Dass bestimmte Ziele einem Fertigkeiten und Fähigkeiten abverlangen, deren Erlangung man planen und zeitaufwendig umsetzen muss?
- Dass man durch Tatkraft, Fokussierung und Entschlossenheit den inneren Schweinehund überwinden kann?
Doch, das alles ist wahr. Genau auf dieser Logik beruht ein Stück weit die Lebensphilosophie der Personen, die eine Karriereplanung favorisieren.
Lebensbereich „Erkenntnisse gewinnen“

Es ist wohl ebenfalls wahr, dass wir u. a. aufgrund unserer blind übernommenen Glaubenssätze unterbewusst gesteuert sind und weitaus weniger rationale und abgewogene Entscheidungen treffen, als wir gerne selbst glauben möchten.
Darüber hinaus machen wir ständig neue Erfahrungen und gewinnen neue Erkenntnisse, die die bisherigen Überzeugungen im neuen Licht erscheinen lassen. Und wir entdecken neue Talente und Interessen in uns.
Auf dieser Logik beruht ein Stück weit die Lebensphilosophie der Personen, die davon ausgehen, dass man letztlich alles erreichen kann, was man will.
Dass man die eigene Kraft und Energie nicht mit langfristigen (fremdbestimmten) Zielplanungen verschwenden sollte, sondern damit, die eigenen Bedürfnisse und Motive besser zu verstehen, und die eigenen mentalen Steuerungsprozesse zu beherrschen lernen.
Lebensbereich „Beziehungen gestalten“

Und es ist genauso wahr, dass wir in ständiger Interaktion mit unserer Umwelt stehen, die von uns Entscheidungen und Zielkorrekturen abverlangt.
- Der Karrierist verliebt sich und seine Zielfokussiertheit bekommt Konkurrenz vom Wunsch nach Zweisamkeit.
- Später kommen die Anforderungen des Ehepartners und der Kinder dazu.
- Auch Eltern und Freunde verlangen adäquate Aufmerksamkeit.
- Dazu kommen Schicksalsschläge und andere private und berufliche Meilensteine.
Auf dieser Logik beruht ein Stück weit die Lebensphilosophie der Personen, die darauf hinweisen, dass das Leben letztlich nicht planbar ist und man daher sich darauf fokussieren sollte, im Hier und Jetzt ein glückliches, erfülltes und sinnstiftendes Leben zu führen.
Eigenschaften, die helfen, um unser Leben erfolgreich zu meistern

So unterschiedlich die obigen drei Lebensphilosophien erscheinen mögen, eines haben sie gemeinsam: Sie präsentieren einfache Lösungsrezepte.
Sie implizieren, dass man linear-kausal das eigene Leben gestalten kann: verhalte dich X, damit du Y erzielst.
Tatsächlich ist die Realität um uns herum komplex-kausal. Die obigen drei Wirklichkeiten sind gleichzeitig wahr.
Unser Leben konfrontiert uns mit einer schier unendlichen Anzahl von Veränderungsimpulsen und wir haben ständig die Qual der Wahl: Reagiere ich darauf und, falls ja, welche Philosophie hilft hier weiter?
- Rückblickend werden wir erkennen, dass manche Impulse, denen wir nachgingen, sich als Sackgassen und Irrwege herausstellten und uns von unseren eigentlichen Zielen ablenkten.
- Rückblickend werden wir erkennen, dass wir Impulse ignorierten, die sich als signifikant herausstellten und uns daher später mit der Wucht einer Lawine erfassten und aus der Bahn warfen.
Wenn man sich mit Biografien von erfolgreichen Menschen befasst, dann beschreiben sie nicht selten genau das:
- Sie selbst führen ihren Erfolg meist darauf zurück, dass sie zur richtigen Zeit die richtigen Veränderungsimpulse erkannt und ergriffen haben.
- Und/oder sie beschreiben, wie eine Lawine sie aus der Bahn geworfen hat, sie aufgrund ihrer Anpassungsfähigkeit in der Lage waren, die neue Realität zu akzeptieren und sich darin zurechtzufinden.
Was wir brauchen, um adäquat auf die Vielzahl von Veränderungsimpulsen um uns herum reagieren und das Leben meistern zu können, sind offensichtlich Eigenschaften wie Achtsamkeit, Neugierde, kritisches Denken und Anpassungsfähigkeit.
Ich wage zu behaupten: Der typische Tunnelblick eines Karrieristen während seiner Bilderbuchkarriere fördert wohl kaum diese Eigenschaften.
Personalmanagement: Der Karrierist im Unternehmen
Auch der Unternehmensalltag ist eine unendliche Folge von Veränderungen und Anpassungen. Das führt uns zu der eingangs gestellten Frage zurück:
Warum eigentlich sind Unternehmen so sehr an Karrieristen interessiert? Warum betrachtet man beim Thema Personalmanagement das Karriereverhalten des Bewerbers/Mitarbeiters als so wichtig? Ist man sich der Kehrseite der Medaille bewusst?
Der Begriff Karrierismus bezeichnet ein Verhalten, bei dem eine verantwortliche Person die Belange der eigenen Karriere in den Mittelpunkt ihrer Entscheidungen stellt. In der Praxis bedeutet dies, dass eine Entscheidung nicht nach dem Kriterium fällt, welcher Weg dem Gesamtauftrag am ehesten dienlich ist, sondern welcher Weg das höchste Prestige bei höheren Führungsebenen und damit ein persönliches Fortkommen sichert. (Quelle: Wikipedia)

Es kann durchaus sein, dass der Manager, der nun einen Mitarbeiter sucht, seinen bisherigen Erfolg seiner Karriere-Fokussierung zu verdanken hat: Wenn in der Vergangenheit ihm etwas nicht gefiel, sprich ihn von seiner Agenda abzubringen drohte, dann hat er darauf konsequent in dieser Reihenfolge reagiert: blockiere es, verändere es, lass dich dafür entschädigen oder verlasse den Laden.
Nun aber sitzt er auf der anderen Seite des Tisches. Er ist derjenige, der Veränderungen initiiert. Er braucht Mitarbeiter, die sich auf ihren Job konzentrieren, die seinen Veränderungswünschen offen gegenüber stehen, die mitdenken und verlässlich sind.
Was er nicht gebrauchen kann, sind Mitarbeiter, die den jetzigen Job rein als Übergangsstadium betrachten, ihre Agenda im Verborgenen liegt und mit der typischen Karrieristen-Blockadehaltung auf jede Veränderung reagieren: „Ich möchte von der Veränderung verschont bleiben oder alternativ eine Gehaltserhöhung bzw. Beförderung als Entschädigung oder ich bin weg“.
Aber was ist die Alternative und woher nehmen und nicht stehlen?
Der Arbeitsmarkt ist spannend und bunt

Der Arbeitsmarkt ist viel spannender und bunter, als man vermuten würde. Ich glaube in der Tat, dass Fachkräftemangel in erster Linie dem Umstand geschuldet ist, dass viele Arbeitgeber mit einer verzerrten Brille den Arbeitsmarkt wahrnehmen.
Mitarbeiter ohne Karriereambitionen
Neben Karrieristen gibt es nämlich eine Vielzahl von Menschen, die gerne und engagiert ihren Job erledigen, aber keine Karriereambitionen haben, z. B. weil sie Wert auf ihr Privatleben legen.
Ihre Lebensläufe sehen wenig spektakulär aus, weil sie nicht genug trommeln und daher bei Gehaltserhöhungen und Beförderungen leicht übersehen werden.
Deren Frust und Demotivation kommt daher, weil man bei ihnen die Maßstäbe anlegt, die Karrieristen als Messlatte vorgeben, wie z. B. eine 24/7-Erreichbarkeit oder eine +60 Std./Wo.
Deren Leistung würde man ganz anders beurteilen, wenn man die Messlatte entsprechend anpasst: z. B. in Output pro Stunde!
Alleinerziehende

Oder nehmen wir die große Gruppe der alleinerziehenden Mütter.
Deren Hauptagenden sind sichtbar für jedermann:
- Das Wohl des Kindes,
- Sicherung des Lebensunterhalts.
Was bekommt der Arbeitgeber zurück, wenn er ihr beim 1. Agenda entgegen kommt und sich flexibel zeigt?
»Wenn Kitas streiken, bringen Sie einfach das Kind zur Arbeit. Und wenn ein Anruf von der Schule kommt, dass Ihr Kind sich verletzt hat, dürfen Sie die wichtige interne Sitzung auslassen und losrennen.«
Er bekommt sehr wahrscheinlich eine höchst engagierte Mitarbeiterin, die in einem chaotischen Umfeld gut und routiniert zurecht kommt.
Ältere Arbeitnehmer

Oder die große Gruppe der älteren Mitarbeiter, die einen hervorragenden Werdegang haben, aber das Pech hatten, mit 45+ arbeitslos zu werden und daher für den Arbeitsmarkt unsichtbar sind.
Einige Jahre später und x Absagen weiter sind die Finanzreserven und das Selbstbewusstsein restlos aufgebracht. Von souveräner Auftritt im Bewerbungsgespräch kann dann wohl kaum die Rede sein!
Was bekommt wohl der Arbeitgeber zurück, wenn er einer solchen Person mit dem verdienten Respekt begegnet und ihr die Würde zurückgibt?
Unter anderem einen Mitarbeiter, der bei Krisen aufgrund seiner Lebens- und Berufserfahrung ruhig bleibt und einen kühlen Kopf bewahrt, während andere in Panik und Aktionismus verfallen.
Multipotentials

Oder die Gruppe der Menschen, die alle 2-3 Jahre nicht nur die Firma, sondern womöglich auch die Branche wechseln.
Sprunghafter Lebenslauf, kein roter Faden erkennbar. Der Arbeitsmarkt reagiert auf sie so wie Superman auf Kryptonit.
Der unschätzbare und meist übersehene Vorteil dieser Gruppe: Anpassungsfähigkeit!
Bei großen Change-Ankündigungen ist der Arbeitgeber es bislang gewohnt, in Gesichter voller Panik zu blicken, die mit Blockadehaltung reagieren. Hier hingegen blickt er in ein sehr glückliches Gesicht!
Selbstständige

Last, not least, die Gruppe der Selbstständigen. Der ewige Kampf um Umsätze fängt mit dem Gongschlag der Selbstständigkeit an. Dieses Fahren auf Sicht lehrt vor allem eins: Demut!
Viele erkennen nun den Luxus eines planbaren Einkommens, den sie früher nicht so sehr zu schätzen wussten. Einige können sich daher durchaus vorstellen, zu einer (Teilzeit-) Festanstellung zurückzukehren.
Wenn da nicht die Angst vor starren (Arbeitszeit-) Regeln und Dienst nach Vorschrift wäre.
Was kriegt der Arbeitgeber zurück, wenn er ihnen hier entgegen kommt? Unter anderem einen Mitarbeiter, der mit seinem Fachwissen auf dem Laufenden ist. Und das aus eigenem Antrieb und aus eigener Tasche!
Fazit:
Was das Thema Personalmanagement betrifft,
- offensichtlich bevorzugt der Arbeitsmarkt Menschen mit einer zielfokussierten Karriereplanung. Oberflächlich betrachtet, sind Karrieristen somit die Nutznießer, die darin die Bestätigung ihrer Lebensphilosophie finden. Bei genauer Betrachtung bezahlen Karrieristen womöglich einen hohen Preis, weil sie auf ihrem Weg Signale ignorieren, die nicht selten später zu deren Arbeits-Ausfall führen.
- oberflächlich betrachtet, profitieren Unternehmen vom auffälligen Engagement der Karrieristen. Bei genauer Betrachtung und Würdigung der Kehrseite dieser Medaille erscheinen womöglich andere vernachlässigte Bewerbergruppen als eine sehr attraktive Alternative.

