Ist Eckart von Hirschhausens Pinguin-Gleichnis wahr?
Fachbeitrag als Video-Präsentation:
Dr. Eckart von Hirschhausens Pinguin-Geschichte genießt heutzutage insbesondere unter Personalverantwortlichen und Coaches eine besondere Popularität. Ist sie aber wahr und erstrebenswert?
Dr. von Hirschhausen ist u. a. als Kabarettist und Comedian bekannt. Hirschhausens Pinguin-Geschichte ist in der Tat sehr liebenswürdig und wohlgefällig erzählt. Sie bereitet Freude und stärkt. Sie können sie auf YouTube nachhören oder auf seiner Seite ‚hirschhausen.com/glueck‘ nachlesen. Zitat daraus:
Viele strengen sich ewig an, Macken auszubügeln. Verbessert man seine Schwächen, wird man maximal mittelmäßig. Stärkt man seine Stärken, wird man einzigartig. […] Bleib als Pinguin nicht in der Steppe. Mach kleine Schritte und finde dein Wasser. Und dann: Spring! Und Schwimm! Und du wirst wissen, wie es ist, in Deinem Element zu sein.
http://hirschhausen.com/glueck/die-pinguingeschichte.php
Die Kernaussage dieser Geschichte wird auch gerne von einigen Coaches oder modernen Personalverantwortlichen als Beschreibung herangezogen, welchen Sinn sie bei ihrer Arbeit stiften wollen: »Ich helfe anderen, ihre Stärken zu erkennen und zu stärken und ihr Element zu finden und zu besetzen«.
Wohlgefällig ist diese Message zweifelsfrei. Aber die Tücke steckt im Detail der vielen darin unbeantwortet gelassenen Fragen, wie z. B.:
gbcc-Akademie mit neuem Inhalt!

- Persönlichkeitsentwicklung:
Warum ticke ich so, wie ich ticke? Und was nun? - Mitarbeiterführung:
Leitende Tätigkeiten braucht jedes Unternehmen – aber nicht zwingend Hierarchien! - Prozessmanagement:
Silodenken überwinden, professionell & produktiv zusammenarbeiten! Geht das? - Kommunikation:
Warum reden wir aneinander vorbei und was können wir dagegen tun?
- Ist es wirklich von Vorteil, wenn man sich in nur einem Element aufhält, auch wenn es das eigene Element ist?
- Was ist, wenn wir zwar herausgefunden haben, was das eigene Element ist, der Weg dorthin jedoch sehr weit weg ist bzw. nicht erreichbar erscheint?
- Wie kann man sich innerhalb einer Gemeinschaft selbstverwirklichen?
Wie gesagt, wohlgefällig ist die Message zweifelsfrei. Aber ist sie auch wahr bzw. durchdacht? Das können Sie für sich selbst beurteilen, indem Sie die nachfolgenden Kontextinformationen auf sich wirken lassen.
Ist es wirklich vorteilhaft, wenn man sich in (s)einem Element aufhält?

Der Glücksforscher Mihály Csíkszentmihályi [›mihaːj ›tʃiːksɛntmihaːji] gilt als Schöpfer der Flow-Theorie. Dieses als beglückend erlebte Gefühl des Schaffensrausches und der Funktionslust stellt sich ein, wenn wir Anforderungen ausgesetzt sind, die unsere volle Aufmerksamkeit erfordern und im Rahmen unserer Fähigkeiten erreichbar sind. Sprich: Anforderungen, die nicht zu hoch sind und uns gescheitert und frustriert zurücklassen und auch nicht zu niedrig sind und uns langweilen.
Sicher, der Pinguin in seinem Element Wasser kann versuchen, sich immer weitere anspruchsvolle Ziele zu setzen, um sich nicht zu langweilen: »Ich nehme mir vor, immer schneller zu schwimmen und die tägliche Fischfangquote zu erhöhen«. Aber nichts befriedigt und beflügelt mehr als das Gefühl, etwas geschafft zu haben, was man sich vorher nicht zugetraut hatte: Ein Ziel in einem fremden Element! Wir Menschen können in der Tat über uns selbst hinaus wachsen, indem wir uns trauen und an unsere Grenzen gehen.
Der Trick dabei ist, sich in einem neuen Element nicht mit jenen zu messen, die dort zuhause sind, sondern zu sich selbst, den eigenen Kompetenzen und den eigenen Bedürfnissen zu stehen und diese aktiv zu kommunizieren.
Als Beispiel seien introvertierte Menschen genannt, die sehr erfolgreich in Domänen arbeiten, die typischerweise extravertierten Menschen vorbehalten sind: als Redner oder Trainer. Sie punkten gerade aufgrund ihrer Andersartigkeit. Und sie haben gelernt, wie sie dabei auf sich selbst achten können und haben kein Problem damit, ihre Bedürfnisse klar zu kommunizieren: »Bitte um Verständnis, dass ich die Mittagspause allein verbringen möchte, um wieder Energie zu tanken. Geht ohne mich.«
Oder in eigener Sache: Ich war früher nur in einem einzigen Element glücklich: direkte Interaktion mit Menschen. Mich für Kundenmanagement und Vertrieb als Berufsweg zu entscheiden, war eine logische Folge. Zwischenzeitlich kann ich jedoch den Flow-Zustand u. a. dadurch erleben, indem ich mich mit einer großen Zahlendatenbank in mein Kämmerchen zurückziehe, um sie zu ordnen, durch komplexe Formeln in Relation zu setzen, zu visualisieren, etc.
Ich werde das wohl nie so eloquent beherrschen, wie andere, die in diesem Element zuhause sind, aber das ist auch nicht mein Ziel. Denn das neu erschlossene Element hat mir neue Möglichkeiten eröffnet: Ich kann die Bedürfnisse des Vertriebs in der Sprache und dem Element von Controlling – und vice versa – übersetzen.
Die Anpassungsfähigkeit der Spezies Mensch ist einzigartig
Apropos »Stärken stärken«, ich finde, dass die Pinguin-Geschichte die größte Stärke von uns Menschen verkennt, nämlich unsere Fähigkeit, uns durch strategische Überlegungen und bewusstes Handeln sogar auf Schicksalsschläge und extreme Veränderungen einzustellen. Plakativ formuliert:
Käme es in der besagten Steppe zu einer Eiszeit, würden die Tiere nach und nach erfrieren. Und die Menschen dort? Sie werden sich wohl mit deren Fell dick einpacken und weiter geht’s.
Schmelzen die Polarkappen absehbar weg, werden wohl die dort heimischen Tierarten aussterben. Und die Menschen dort? Sie werden vermutlich als Obst- und Gemüseexporteure eine ökonomische Blütezeit erleben und im Sommer sich Sorgen um ihre Strandfigur machen.

Das Dilemma einiger Menschen: Sie fühlen sich Tag ein, Tag aus wie die besagten Pinguine in einer Steppe gefangen. Sie sind der Überzeugung, dass die Welt es ihnen schuldet, dass sie endlich ihr Wasser erreichen und losschwimmen dürfen. Sie sind so eingenommen von diesem Gedanken, dass sie sich fortlaufend demotiviert, unglücklich und frustriert fühlen, weil die Realität nicht der Wunschvorstellung entspricht.
Das Problem ist nicht, dass man das Ziel verfolgt, zum eigenen Element zu finden. Das Problem entsteht, wenn man sich dabei verkrampft!
»Aus der Not eine Tugend machen« und ähnliche Sprichwörter bringen die Ressource gut auf den Punkt, die man bräuchte, um weiterzukommen. Diese Ressource ist jedoch erst dann zugänglich, wenn man sich unverkrampft der Realität stellt, anstatt sich krampfhaft an Was-wäre-wenn-Phantasien zu klammern.
Wäre sie meine Geschichte, hätte der Pinguin bereits in der Steppe damit begonnen, kreativ und neugierig einiges Neue auszuprobieren. Beispielsweise Hügel runterzurutschen und sich dabei mächtig zu amüsieren. Auf dem langen Weg zum Wasser landet der Pinguin sogar in einer Dünenlandschaft. Weit und breit keine Spur von Wasser.
Aufgrund seiner Erfahrungen mit den Hügeln findet er jedoch schnell heraus, dass man auf Dünen runter surfen kann wie auf Wellen und dabei viel Spaß haben kann. Er baut eine erfolgreiche Filialkette mit Surfunterricht und weiteren Freizeitangeboten für die Steppentiere auf. Seine Kunden sind sehr zufrieden und glücklich und das macht ihn selbst wiederum sehr glücklich und zufrieden.

Sobald er es sich leisten kann, zieht er sich aus dem operativen Geschäft zurück. »Wo soll ich leben?« Er entscheidet sich spontan für die Küstenregion der Antarktis als Hauptwohnsitz. Was man halt meint, was Pinguine tun sollten. Schnell fällt ihm aber die Decke auf den Kopf, denn das ist ihm dort alles zu eintönig. Aus diesen Schuhen ist er wohl längst rausgewachsen. Er entscheidet sich letztlich für Fuerteventura als Hauptwohnsitz. Er hat Wasser drum herum und seine stundenlangen Spaziergänge in den großen Sanddünen erinnern ihn täglich an seine schöne Zeit umgeben von Sand.
Die Wirklichkeit ist komplex-kausal und erfordert ein Denken in Lösungsstrategien

Dr. von Hirschhausen hat wohl recht mit der Feststellung: Wenn du als Pinguin geboren wurdest, machen auch sieben Jahre Psychotherapie aus dir keine Giraffe.
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Das ist aber m. E. gar nicht der entscheidende Punkt!
Der entscheidende Punkt ist: Wir Menschen sind komplexe Wesen und haben uns daher eine komplex-kausale Wirklichkeit erschaffen, in der die unterschiedlichsten Fähigkeiten von uns gefordert werden. Ständig und überall.
Um bei dem Gleichnis zu bleiben: Der Pinguin wird immer wieder mit einer Situation konfrontiert sein, in der er an etwas heran muss, das höher als seine eigene Reichweite liegt. Was er benötigt, sind nicht notwendigerweise die Fähigkeiten einer Giraffe, sondern immer nur die eine: eine Problemlösungskompetenz! Wie löse ich dieses konkrete Problem? Kooperiere ich mit einer Giraffe oder lasse ich mir kreativ was anderes einfallen?
Selbstverwirklichung innerhalb einer Gemeinschaft
– aus Sicht der Gemeinschaft
Apropos komplex-kausal: In einem Unternehmen haben wir es mit Gruppen von Menschen zutun, die miteinander kooperieren sollen. Was eine Gemeinschaft in erster Linie benötigt, sind kreative Problemlösungsstrategien. In einem solch komplex-kausalen Umfeld wäre eine simplifizierende Herangehensweise wie »finde dein Wasser und schwimm« nicht nur naiv und weltfremd, sondern mitunter kontraproduktiv und nachteilig für die Gemeinschaft.
Wenn ich es in der Lösungserarbeitungsphase mit Projektgruppen, Abteilungen o. Ä. zutun habe, dann habe ich es – überspitzt-provokativ formuliert – mit lauten einzelnen Pinguinen zutun, die alle in ihr individuelles Wasser springen wollen. Dass das nicht die beste Ausgangsposition ist, um die gemeinsame Mission zu erreichen, wissen sie alle. Und bei der möglichen Lösung dieses Dilemmas sind sich auch alle einig: »Alle anderen sollen sich bewegen, denn ich mache ja alles richtig«.
Hier müssen somit erst andere Hürden gemeistert und Voraussetzungen geschaffen werden, bevor das Thema »Selbstverwirklichung innerhalb einer Gemeinschaft« auf die Tagesordnung kommen kann.
Passend dazu hat ein Geschäftsführer mir am Rande einer Veranstaltung seine schlechten Erfahrungen mit seinem ersten (und ich befürchte auch letzten) Coachingauftrag wie folgt geschildert:
»Ich wollte zwei Abteilungsleitern mit einem Coaching etwas Gutes tun und ihnen helfen, dass sie ihr Job noch besser machen können. Nach dem Coaching hatte ich es aber mit zwei fordernden Menschen zutun, die von mir eine Anpassung ihrer Stellenbeschreibung an ihre Bedürfnisse forderten. Etwas, was ich aber aus betrieblichen Gründen weder wollte noch konnte. Am Ende hatte ich zwei demotivierte Leiter. Einer von ihnen hat zwischenzeitlich das Haus verlassen und der andere hat nie mehr zur alten Leistung zurückgefunden.«
– aus Sicht des Individuums
Wenn ich es mit einem leitenden Angestellten als Klienten zutun habe, sei es als Selbstzahler oder im Auftrag und Rechnung seiner Firma, ist das primär zu behandelnde Thema selten: »Was ist mein Element und wo und wie finde ich es?«
Denn diesen Fragen kann man sich häufig erst dann stellen, wenn man zuvor andere Hürden gemeistert hat:
- Wie kann ich mich als leitender Angestellter in einem komplexen und sich ständig verändernden Umfeld gut zurechtfinden?
- Wie bleibe ich entspannt und souverän, wenn ich mit überhöhten, unlogischen oder inkompatiblen Erwartungen anderer konfrontiert bin?
- Wie kann ich das Verhalten der Menschen um mich herum richtig einschätzen und ihnen gegenüber meine Position und Bedürfnisse erfolgreich kommunizieren? U. v. m.
