Die Macht des Wortes "müssen" wird gerne unterschätzt, bzw. das Wissen um die Folgen der Anwendung ist vermutlich nur in den wenigsten Fällen vorhanden.
Die Macht des Wortes "müssen" wird gerne unterschätzt, bzw. das Wissen um die Folgen der Anwendung ist vermutlich nur in den wenigsten Fällen vorhanden.

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Machtwort „Müssen“

7 Min.

Die Macht des Wortes “müssen” wird gerne unterschätzt, bzw. das Wissen um die Folgen der Anwendung ist vermutlich nur in den wenigsten Fällen vorhanden.

Täglich begegnet es uns. In allen möglichen Alltagssituationen. Bewusst oder unbewusst:

  • „Das muss heute noch fertig werden!“
  • „Wir müssen dem Kunden heute noch was liefern!“
  • „Ich muss noch Einkaufen.“
  • Muss das sein?“
  • „Da musst Du aufpassen!“
  • „Den Herrn XYZ muss ich noch anrufen!“

Das sind nur einige Beispiele, wie uns das Wort Muss/Müssen schon in Fleisch und Blut übergegangen ist und wir verwenden es in den meisten Fällen wohl eher unbewusst. Vermutlich auch, weil es uns so einfach und schnell über die Lippen geht, es unsere Aussage/Forderung aus der eigenen Sicht genau beschreibt und es scheinbar keinen Grund gibt, sich wenigstens ein wenig mit den vielfältigen Möglichkeiten unserer Sprache auseinander zu setzen. Denn das kostet Zeit und die haben wir ja bekanntlich nicht.

Das (Un)wort im Detail

Informationen aus dem Duden:

Bedeutung:
Aussprache:
Synonyme:

Zwang, Notwendigkeit
Muss
Bedingung, Erfordernis, Gebot, Notwendigkeit, Pflicht, Unverzichtbarkeit, Voraussetzung, Zwang

Wenn etwas „muss“, dann steckt laut Bedeutung also ein unmittelbarer Zwang, bzw. eine Notwendigkeit dahinter. Eine An- oder Aufforderung (scheinbar) ohne jegliche Optionen.

Doch der Schein trügt…

Macht und Unterwerfung

Die Macht des Wortes Muss/Müssen wird viel zu gerne unterschätzt, bzw. das Wissen um die Folgen der Anwendung ist vermutlich nur in den wenigsten Fällen vorhanden. Viele lassen sich nur zu leichtfertig auf das Müssen ein, da es ja ein alltägliches Wort ist und man auch niemanden enttäuschen oder verärgern möchte.

Da wird einem z. B. die Aussage „Das muss bis heute Abend fertig sein!“ um die Ohren gehauen, der Staffelstab ist somit übergeben und die Person, die der Aufforderung Folge zu leisten hat, kommt jetzt in Zugzwang. Natürlich kann die Aufgabe nur einen kleinen Aufwand bedeuten und lässt sich locker bis zum geforderten Termin bewältigen. Es kann sich aber auch um einen riesigen Haufen Arbeit handeln, der eben nicht so einfach fertig zu stellen ist. Und dann beginnt sich das Karussell zu drehen…

Ständig die Aussage „Das muss…“ im Hinterkopf, der Einkauf wird vermutlich nachher nicht hinhauen und den Termin mit Freunden kann ich auch direkt absagen, weil ich das eh nicht alles unter einen Hut bekomme. Dann wird vielleicht zwischendurch auch nochmal angerufen und nachgefragt, wie denn der aktuelle Stand ist, oder Kollegen kommen spontan vorbei und wollen ein Schwätzchen halten und schon ist die Konzentration dahin, man kommt aus dem Konzept und im schlimmsten Fall kommt dann auch noch zu Flüchtigkeitsfehlern, die aber erst beim Kunden auffallen… Der Bumerang ist unausweichlich: Feedback vom Kunden an den Vorgesetzten und der reicht das dann vielleicht auch noch brühwarm an denjenigen weiter, der das eigentliche Opfer in diesem Teufelskreis ist.

Dies ist natürlich nur eine von vielen möglichen Szenarien, wie diese Situation ablaufen kann. Natürlich gibt es Menschen, denen solch eine Muss-Aussage gar nichts ausmacht und die die Situation völlig souverän im Griff haben, ggf. Termine kurzerhand absagen oder verschieben können und sich durch nichts und niemanden aus der Ruhe bringen lassen. Auf der anderen Seite gibt es mit Sicherheit auch Vorgesetzte, die z. B. nach einem nicht allzu positiven Feedback vom Kunden eine geeignete Argumentation parat haben, um noch ein wenig Zeit zu bekommen, damit der Kunde sein gewünschtes Ergebnis erhält…

Die gleiche Situation wie oben, allerdings wird ein wichtiger Faktor bewusst abgewandelt: das Anliegen des Vorgesetzten und wie er es unterbreitet. Dieser kommt recht aufgescheucht zu seinem Mitarbeiter mit den Worten: „Ich weiß, es ist schon spät, aber ich hatte gerade ein Telefonat mit dem Kunden und der bräuchte heute noch einen neuen Vorschlag präsentiert, da es sich um eine wichtige Entscheidung im Vorstand handelt. Ich brauche hier Ihre Hilfe und ich weiß, dass Sie der Richtige für diesen Job sind. Können Sie mir den Gefallen tun und sich da nochmal dransetzen?“ Der Mitarbeiter sieht zwar dennoch seinen Zeitplan dahinschwinden, erklärt sich aber selbstverständlich dazu bereit, die Extrameile zu gehen…

Ich weiß, ich weiß – viel Text und gefühlt viel Blabla. Was aber ist der Unterschied? Im zweiten Beispiel zeigt der Vorgesetzte Respekt und holt den Mitarbeiter auf einer emotionalen Ebene ab („Ich brauche hier Ihre Hilfe …“) und ermutigt ihn, auf Grund seiner Fähigkeiten, mehr Einsatz zu bringen, als es vielleicht üblich ist („… dass Sie der Richtige für diesen Job sind.“). Zudem wird auch erklärt, warum es um eine besondere Situation geht („… da es sich um eine wichtige Entscheidung im Vorstand handelt.“). Es entsteht zwar auch ein gewisser Druck, allerdings auf einer „humanen“ Ebene, mit der man wesentlich einfacher umgehen kann, da quasi alle Rahmenbedingungen geklärt sind und es zu keinem verbalen „Angriff/Anschnauzen“ gekommen ist.

Was löst das Muss in uns aus?

Durch die Verwendung des Wortes Muss/Müssen wird häufig Stress ausgelöst – wenn auch nur unterbewusst. Es gibt zwei Arten von Stress: Positiver Stress (Eustress), der durchaus ein befriedigendes Gefühl auslösen kann – manche Menschen brauchen diesen Stress sogar für eine effektive Arbeitsweise. Und als zweites gibt es den negativen Stress (Dysstress), der dem Körper und dem Immunsystem dauerhaft schaden kann, vor allem wenn nicht genügend Zeit zum Erholen vorhanden ist. Zudem kann solcher Stress, sofern man empfänglich dafür ist, zu Nervosität und Depressionen führen.

Vermutlich kommen gerade Fragen auf, wie z. B. „Das alles nur durch ein einziges Wort?“. Natürlich wird ein einmaliges Verwenden nicht umgehend zum Schlimmsten führen, aber fragen Sie sich selbst: wie oft verwenden Sie das Wort Muss/Müssen am Tag? Entweder, um den eigenen Tag zu planen, oder aber während Sie mit anderen Menschen sprechen? Vermutlich nehmen Sie das gar nicht wirklich wahr. Das Unterbewusstsein allerdings schon. Wir verwenden diese Wort ständig, eben hauptsächlich unbewusst. Und solche intensiven Situationen, wie z. B. im Arbeitsumfeld, in dem meistens eh schon ein großer Leistungszwang herrscht, sind auf lange Sicht erwiesenermaßen ein Grund dafür, dass Menschen einen Nervenzusammenbruch bekommen oder an Burnout leiden, oder im „milderen“ aber nicht zu vernachlässigenden Fall einfach nur langsam an Leistungsfähigkeit verlieren. Daher wäre es doch ein erstrebenswertes Ziel, wenn wir uns am Facettenreichtum unserer Sprache bewusst bedienen, um allen Beteiligten ein stressfreies und respektvolles Miteinander zu ermöglichen.

Alternative Vorschläge

Hier nun ein paar Beispiele, um sich langsam vom alten Sprachgebrauch zu lösen und sich mit neuen Varianten auszustatten. Es ist manchmal nur ein kleiner verbaler Umweg und minimales Umdenken. Aber es ist ein Weg, den es sich aber lohnt, zu gehen:

Ich muss noch … Ich werde …
Du musst mir helfen! Ich brauche Deine Hilfe!
Das muss aber so sein! Mach das bitte so!

Persönliche Hintergründe des Autors

Ich habe im Leben leider schon viel zu oft Bekanntschaft mit dem Wort müssen und anderen stressigen Situationen gemacht und regelrecht eine Aversion dagegen entwickelt. Sätze, wie: „Einen Scheiß muss ich!“ sind zwar hart, spiegeln aber letztendlich meine innere Haltung zu diesem Thema wider. Ich selbst nutze aber viel lieber die Aussage: „Das einzige, was ich muss, ist irgendwann sterben!“.

Dieser Satz ist auch ein Schlüsselerlebnis in meinem Leben, den ich meinem Ausbilder damals spontan am Telefon entgegenbrachte, nachdem er mich mit Nachdruck aufforderte, ich müsse sofort in die Firma zurückkommen – es war bereits nach Feierabend und ich gerade daheim angekommen. Die ganze Geschichte würde jetzt den Rahmen sprengen.

Zudem hatte ich sehr harte Aussagen von meinem damaligen Chef zu verkraften, die mich bereits in jungen Jahren mit außerordentlichem Stress versorgt haben. Welcher Azubi hört schon gerne Sätze, wie: „Sie sind wie ein Krebsgeschwür für diese Firma“, „Sie sollte man mit einer neunschwänzigen Peitsche durch den Betrieb jagen“ oder „Ich mach Sie so klein, dass Sie unterm Teppich Rollschuh laufen können“. Alles O-Ton meines damaligen Chefs und alles natürlich nur unter vier Augen… Meine Sensibilität gegenüber negativem Stress ist u. a. durch solche Situationen verständlicherweise sehr hoch.

Aber ich habe zum Glück auch sehr viel positiven Stress erlebt, der mich völlig über mich herauswachsen ließ und mir zu unglaublichen Leistungen verholfen hat – sowohl quantitativ als auch qualitativ.

Heute versuche ich, meine Kollegen, Freunde und Bekannte quasi immer wieder gerne dazu zu bewegen, ebenfalls Abstand vom Müssen zu gewinnen… Klappt nicht immer, aber es ist schön zu sehen, wenn ein gewisses Gespür dafür entsteht und der Umgang mit solchen Worten einfach bewusster wird.


Autor:

eBooks, Hörbücher, Podcasts:

Titelbilder der beiden eBooks bei bookboon.com
→ bookboon.com

3 Kommentare zu „Machtwort „Müssen““

  1. Wunderbar auf den Punkt gebracht, herzlichen Dank für diese wertvolle Reflexion. Wer viel von “müssen” spricht, akzeptiert einen gesetzten Rahmen der diesen Zwang wohl so vorgibt.Aber was ist das für ein Rahmen? Real oder eingebildet? Und ist er selbstgewählt? Und wer sagt, dass das Gegenteil nicht auch eine Option ist? Ausweglosigkeit und Alternativlosigkeit gibt es nicht, genau so wenig wie binäres Aussen-Innen, gut-schlecht. Danke, dies mal wieder ins Bewusstsein bekommen zu haben.

  2. Danke für diese Erinnerung. Mir ist es dank dem Artikel noch bewusster geworden, dass das Wort “muss” Stress in mir auslöst. Da ich selbst eine starke Auflehnung gegen jegliche Autorität (auch die innere) wahrnehme, wurde mir klar, warum manche Dinge, die ja erledigt werden müssen immer weiter in die Zukunft geschoben werden – nicht ohne schlechtes Gewissen. Hätte ich dagegen meine eigene Todo-Liste etwas “milder” gestaltet, wäre mehr und mit Leichtigkeit erledigt.

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