Unsere Personas kollidieren auf Social Media. Das überfordert uns regelmäßig. Daher: die Dos and Don'ts Ihrer Mitarbeitenden bedarf dringender Klärung.
Unsere Personas kollidieren auf Social Media. Das überfordert uns regelmäßig. Daher: die Dos and Don'ts Ihrer Mitarbeitenden bedarf dringender Klärung.

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Sind wir durch Social Media überfordert?

18 Min.

Wir Menschen pflegen unterschiedliche Personas in unterschiedlichen Lebensdomänen. Auf Social Media hingegen kollidieren diese. Das überfordert uns regelmäßig. Daher: Die Dos and Don’ts Ihrer Mitarbeitenden bedarf dringender Klärung.

Beitragstext nachträglich ENTgendert nach Hermes Phettberg (“Y” an den Wortstamm)

„Soziale Netzwerke: Was sagt mein Auftritt über mich aus?“ Mit diesem Beitrag startete ich zum 01.04.2012 meinen Blog. Es sind seitdem neun Jahre vergangen und es ist somit höchste Zeit für eine Revision des Beitrages.

Was Social Media betrifft, ich schlage mich recht lange mit ihnen herum. Ein Xing- oder Facebook-Profil habe ich beispielsweise seit 2006. Und genauso lange beobachte ich, worüber wir uns auf Social Media fürchterlich aufregen oder miteinander streiten.

Offline oder online, viele Streitgespräche resultieren interessanterweise daraus, weil wir Menschen eine verzerrte Wahrnehmung vom menschlichen Verhalten haben.

Die Maßstäbe, die wir für das Verhalten anderer definieren, sind nicht wirklichkeitsnah.

Kennen Sie Ihre „Personas“?

Fangen wir mit der Thematik Ihrer Persona an. Damit ist die „Theatermaske“ gemeint, die Sie in der Interaktion mit anderen aufsetzen. Wenn Sie sich umschauen, wird Ihnen leicht auffallen:

Nicht nur, dass (fast alle) Menschen eine Maske aufsetzen, sie setzen nicht selten unterschiedliche Masken in unterschiedlichen Lebensdomänen auf.

Sie als ein und dieselbe Person können, plakativ formuliert,

  • im beruflichen Alltag als ein stets korrekt auftretendes Erbsenzähly,
  • unter Freunden als stets für fröhliche Stimmung sorgendes Schelmy,
  • zu Hause als ein schnell aufbrausendes Tyranny und
  • im Skiurlaub als eine Person, die am liebsten „richtig die Sau herauslässt“ auftreten.
Mann hält unterschiedliche Masken mit unterschiedlichen Emotionen hoch

Ich bin mir sicher: Außerirdische, die das menschliche Verhalten empirisch untersuchen würden, kämen zum Ergebnis: Aus der Metaperspektive betrachtet, ist es typisch für die Gattung Mensch, mehrere Personas zu haben.

Social Media und das Dogma der Authentizität

Wenn Sie sich diese menschliche Eigenschaft bewusst machen, stellt sich doch die Frage:

Was genau meinen Sie dann eigentlich, wenn Sie von sich selbst und von anderen „Authentizität“ erwarten?

In Social Media wird genau das alle naselang thematisiert. Viele Menschen betonen wie wichtig es ihnen ist, authentisch aufzutreten. Und Online-Marketys werden nicht müde, in ihren verkaufsfördernden Beiträgen die Bedeutung des authentisch seins für den geschäftlichen Erfolg hervorzuheben.

Der Weg hin zu mehr Authentizität streben manche dadurch an, indem sie eine neue Persona erschaffen. Getreu dem Motto: So und so sollte sich eine Person verhalten, die „authentisch“ auftritt.

Ist Authentizität stets eine positive Eigenschaft?

Social Media-Influencys prägen wohl das Bild dieser Persona. Wenn Sie sich zu dieser Gruppe zählen: Mit diesem Bild sind für Sie wohl ausschließlich positive Eigenschaften assoziiert. Die üblichen Zutaten scheinen zu sein: Sie haben einen lässig-coolen Auftritt, Sie duzen andere ungefragt, Sie drücken sich ungezwungen bis hin zu flapsig aus und teilen Privates (und teils Intimes) über sich mit anderen.

Oder anders formuliert: Wieso fordern Sie einen sexistischen oder rassistischen Menschen nicht auf: „Hören Sie auf, sich hier authentisch zu verhalten!“? Oder: „Danke, dass Sie wenigstens authentisch sind!“.

Vielleicht gehören Sie zu Menschen, die einen anderen Weg gehen, um Authentizität zu demonstrieren: indem Sie Ihre unterschiedlichen Personas situativ von der Leine lassen?

Wütender Mann hält eine lächelnde Maske vors Gesicht
  • Plakativ: Sie tauschen sich zivilisiert und fachkundig aus, aber im nächsten Augenblick “gehen sie ab” und beschimpfen andersdenkende Diskussionsteilnehmys auf das Übelste persönlich, weil Ihnen die Meinung nicht gefällt?

Bedenkt man, dass Menschen wohl unterschiedliche Personas haben, erscheint das auf dem ersten Blick womöglich als eine gute Strategie. Der Schein trügt leider! Denn in jeder Lebensdomäne treten wir typischerweise nur mit einer Persona auf.

Um auf das plakative Beispiel von oben zurückzugreifen: Sie müssen lange suchen, um ein Kollegy zu finden, das während der Arbeitszeit im Büro sowohl korrekt auftritt, um Erbsen zu zählen, als auch mit der Sau spielt, die es herausgelassen hat.

Halten Sie sich nicht an diese Spielregel, sorgen Sie für starke Irritationen Ihres Umfeldes – mit womöglich verheerenden Konsequenzen für Sie.

Ist Social Media ein rein virtueller Ort jenseits von Raum und Zeit?

Die weit überwiegende Mehrheit der Social Media-Teilnehmys sind im Angestelltenverhältnis. Was die Dos and Don’ts im geschäftlichen Kontext betrifft: Sie wurden und werden offline geprägt.

Es ist daher m. E. nicht sachdienlich, Social Media als einen rein virtuellen Ort zu behandeln, indem andere Gesetze gültig sind.

Denn Ihr Habitus auf Social Media hat reale Konsequenzen in der Offline-Welt.

Durch eine VR-Brille betrachtet die Frau den Himmel

Was wäre, wenn Sie die Offline-Welt als Messlatte für Ihren Social-Media-Auftritt heranziehen?

  • Betrachten Sie Ihren Job als eine Verlängerung Ihres Privatlebens? Tauschen Sie sich am liebsten mit anderen über private Themen aus oder wollen Witze erzählen? Oder gehen Sie nach Feierabend am liebsten mit Kollegys was trinken?
  • Oder konzentrieren Sie sich lieber während Ihrer Arbeitszeit auf Ihre Arbeit? Möchten Sie gerne Feierabend machen, um sich dann ungestört anderen Lebensdomänen zuzuwenden? Legen Sie dabei gelegentlich Ihre geschäftliche Persona willentlich zeitweilig beiseite, um situativ mit Ihrem Kollegy auch private Themen zu besprechen oder in der Pause herumzualbern?

So oder so, in beiden Fällen beschränken Sie diese Aktion höchst wahrscheinlich auf Kollegys, die Sie dafür gut genug kennen. Sie stehen nicht plötzlich im Großraumbüro auf, um lautstark einen Schwank aus Ihrem Leben zu erzählen. Warum sollen virtuell andere “Spielregeln” gelten?

Selbstverständlich können Sie mit Ihren Freundys situativ auch über geschäftliche Themen sprechen.

  • Aber Sie werden wohl kaum bei der nächsten privaten Grillparty in der Nachbarschaft eine Leinwand hochziehen, um eine PowerPoint-Verkaufspräsentation abzuhalten.

Unterschiedliche Personas: Schizophrenie oder Notwendigkeit?

Dass Sie unterschiedliche Personas für unterschiedliche Lebensbereiche haben, kann mitunter für alle Parteien sehr vorteilhaft sein.

Plakativ: Als Dienstleisty, nehmen Sie einen Auftrag einer ausländisch aussehenden Person an. Im privaten Umfeld fallen Sie hingegen durch rassistische Aussagen über genau diese Personengruppe auf.

  • Aber Ihr Business-Persona ist das ausländische Äußere womöglich vollkommen egal. Denn hier gilt: Hauptsache Ihr Kundy nervt Sie nicht und zahlt pünktlich die Rechnung.

Die Problematik, die m. E. viele auf Social Media gänzlich unterschätzen: Auf Social Media sehen alle gleichzeitig Ihren Auftritt: von Kundys über Kollegys bis Nachbarys. Und viele andere, mit denen Sie in keinerlei Beziehung stehen.

Viele Finger zeigen vorwurfsvoll auf den Mann in der Mitte

Und im Zweifelsfalle gilt:

Alle glauben sich das Recht herausnehmen zu dürfen, nicht nur Ihren Auftritt zu bewerten, sondern ggf. auch öffentlich zu kommentieren.

Das überfordert uns regelmäßig und wir gestehen uns das noch nicht einmal ein.

Der Punkt ist: Ihr Social Media-Profil wird von anderen, eher unbewusst, nur einer Lebensdomäne zugeordnet. Und Ihr Verhalten wird den Usancen dieser Domäne entsprechend beurteilt:

  • Betrachten Sie Xing/LinkedIn als eine Business-Plattform, dann nervt Sie ggf. das Verhalten der Person, die die viel zitierten “Katzenvideos” postet oder über die Corona-Maßnahmen diskutieren möchte.
  • Glauben Sie auf Facebook mit Freunden und Familie verbunden zu sein, dann stört Sie ggf. das Verhalten der Person, die laufend geschäftliche Offerten postet.

Sie sind daher m. E. gut beraten, Einfluss darauf zu nehmen, wie Sie gesehen werden wollen. Z. B. indem Sie für sich selbst grundsätzlich festlegen: Bin ich hier geschäftlich, also gedanklich im Büro, oder privat, sprich gedanklich daheim, unterwegs?


Ein aktuelles Beispiel zur Verdeutlichung der Problematik:

Einer meiner Social Media-Kontakte ist das Geschäftsführy eines mittelständischen Unternehmens. Über sein privates Umfeld weiß ich absolut nichts. In meinem Feed fällt es mir stets dadurch auf, weil es kluge und wohldurchdachte Kommentare zu Business-Themen schreibt.

Kürzlich jedoch ging es in einem Beitrag um Corona und die Aussagen eines Politikys dazu. Augenscheinlich emotional getriggert, hat es diesen Beitrag sinngemäß wie folgt kommentiert: „Das Politiky möge lieber seinen geistigen Gesundheitszustand untersuchen lassen, anstatt so einen Nonsens von sich zu geben.

Es geht mir bei diesem Beispiel nicht „um die Sache“ und auch nicht darum, die Ausdrucksweise zu thematisieren. Mit diesem Beispiel will ich vielmehr Ihre Aufmerksamkeit hierauf lenken:

Es hat sich in dieser Situation menschlich und emotional getriggert gezeigt. So wie es sich wohl zeigen würde, wenn es mit Freundys zusammensäße.

Daraufhin brach eine Empörungswelle aus. Vorwürfe der Diffamierung, Aufhetzung, etc. wurden ihm gegenüber erhoben. Einige haben kommentiert, dass sie sein Profil zur Anzeige gebracht haben.

Und selbstverständlich wurde rasch ein Bezug hergestellt zu seiner beruflichen Rolle „Geschäftsführung“ und Mutmaßungen über es in dieser Rolle angestellt.

Das wiederum fand es nicht prickelnd und forderte die Angreifys auf, nicht das Thema zu wechseln.


In der Tat, wir Menschen hassen es, wenn andere verallgemeinernde Schlussfolgerungen ziehen. „Das können Sie doch nicht verallgemeinern“ können Sie alle naselang in Diskussionen lesen. Und wir hassen es erst recht, wenn sie Pauschalurteile über uns fällen und uns in eine Schublade stecken.

Sollten Sie anderen dieses Verhalten übel nehmen? Sollen Sie sie belehren, bekehren oder maßregeln?

Nein!

Sie sollten vielmehr Individuen wertschätzen und loben, die die Welt differenzierter wahrnehmen können. Wenn sie in der Lage sind, zu erkennen, dass eine verallgemeinernde Schlussfolgerung durchaus ihre Existenzberechtigung hat, aber diese nicht notwendigerweise auch auf Sie als Individuum zutrifft.

Das ist der Übergang zu einem weiteren Aspekt menschlichen Verhaltens, den wir m. E. gänzlich verzerrt wahrnehmen.

Social Media und der abwegige Wunsch nach Vermeidung von Pauschalurteilen

Alle Lebewesen machen wohl Beobachtungen oder sammeln Erfahrungen, erkennen Muster und leiten für sich verallgemeinernde Schlussfolgerungen ab, die letztlich ihr Überleben sicherstellen sollen. Wir Menschen betreiben dieses Spiel wohl deutlich exzessiver als andere Lebewesen:

Wir stellen sogar Hypothesen über Gesetzmäßigkeiten weit über das Beobachtbare und Wahrnehmbare hinaus. Wir diskutieren mit fremden Menschen über unsere Beobachtungen und Mutmaßungen. Und wir umgeben uns am liebsten mit Menschen, die unsere Mutmaßungen teilen. Getreu dem Motto: wir hier gegen die dort drüben.

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Sollten Sie sich bezüglich der Thematik “kritisches Denken” weiterbilden oder Ihr Wissen auffrischen wollen, werfen Sie bitte einen Blick auf meinen Onlinekurs: „Logisch schlussfolgern, überzeugend argumentieren“.

Das machen wir nicht nur, wenn es sich um existenzielle Fragen im Hier und Jetzt handelt, sondern auch aus strategischen Erwägungen, die weit in der Zukunft zur Geltung kämen.

Diese Gabe ist gleichzeitig auch unser Fluch. Denn wir verwenden sie nicht nur, um etwas Positives zu erschaffen und die Menschheit in ihrer Entwicklung voranzubringen.

Wir wenden sie auch dann an, wenn sie absehbar für katastrophale Folgen sorgen wird. Getreu dem Motto: nach mir die Sintflut.

Wenn Sie verallgemeinernde Urteile über Ihre Mitmenschen fällen, dann deswegen, weil Sie für sich so schnell wie möglich Klarheit haben wollen:

Ist die Person gut oder schlecht? Freund oder Feind? Strategisch von Vorteil oder unwichtig für mich?

Wahrnehmung von Grauschattierungen und das Aushalten von Ambivalenzen ist im Großen und Ganzen nicht unser Ding.

Die besagte Außerirdische kämen wieder zum Ergebnis: Es ist typisch für die Gattung Mensch, alles Mögliche so schnell wie möglich in eine Schublade zu stecken und ein Schwarz-weiß-Urteil zu fällen.

Sie als Individuum können situativ von diesem Verhalten abweichen. Der Mensch an sich aber m. E. nicht! Er verhält sich „menschlich“.

Social Media ohne rosarote Brille betrachtet

Und „menschlich“ verwende ich hier nicht in der engeren Definition von Empathie, Nächstenliebe, Güte, o. Ä. Ich verwende den Begriff im weiteren Sinne als jedes empirisch beobachtbare Verhaltensmuster:

Wir tragen Theatermasken und tendieren zum Schwarz-weiß-Denken. Wir generalisieren und pauschalisieren auch dann, wenn die Stichprobe nicht repräsentativ ist. Und wir schalten tendenziell den Verstand aus, wenn wir emotional getriggert wurden.

Anstatt also Maßstäbe für das Verhalten anderer zu definieren, die nicht wirklichkeitsnah sind, was wäre anders, wenn Sie von der Prämisse ausgingen, dass Menschen so sind, wie sie nun einmal sind? Dass Sie daher lernen und üben, entspannter und gelassener darauf zu reagieren?

Und: Welche Konsequenzen müssten Sie als unbeteiligte Dritte für sich daraus ziehen, weil Sie Gefahr laufen, durch den Auftritt einer anderen Person mit betroffen zu sein?

  • Sie als Elternteil durch den Auftritt Ihrer Kinder. Sie als Kind durch den Auftritt Ihrer Eltern.
  • Sie als Arbeitgeber durch den Auftritt Ihrer Mitarbeitenden. Und Sie als Mitarbeity durch den Auftritt eines Arbeitgeber-Repräsentantys oder eines Kollegys.

Was mich persönlich betrifft, ich habe längst meinen Frieden damit gemacht, dass wir Menschen uns menschlich verhalten. Ich gehe von dieser Grundannahme aus und richte mein Verhalten danach aus. Online auf Social Media genauso wie offline.

Mögliche Konsequenzen für Unternehmen

Dies vorausgeschickt, die größte und dringendste Baustelle sehe ich aktuell bei der Klärung der Rolle Angestellty eines Unternehmens: Welche Rechte und Pflichten existieren beim Auftritt auf Social Media?

Denn wir sind hier teils mit einer absurden Logik konfrontiert und arbeitsrechtliche Grauzonen gilt es ebenfalls zu berücksichtigen.

Nehmen wir plakativ ein konservatives Unternehmen, indem es klare Vorgaben gibt, wie Sie als Mitarbeity im Kundengeschäft sich anziehen und verhalten dürfen. Es ist klar geregelt, ob Sie überhaupt mit der Außenwelt schriftlich kommunizieren dürfen und wie dieses Schriftstück auszusehen hat – Design und Sprachstil. Es ist ganz klar geregelt, ob Sie überhaupt eine Visitenkarte bekommen und was darauf steht.

Das ist die eine Wirklichkeit des Unternehmens. Die andere Wirklichkeit:

Ein Auszubildendy Ihres Unternehmens beantwortet die Kunden-Mails auf Ihre Facebook-Seite – grammatikalisch und stilistisch stark optimierungsbedürftig. Und das ist recht harmlos im Vergleich dazu, was Ihre Mitarbeitenden und Kollegys auf ihren Profilen von sich geben!

Z. B., indem sie offen über den Arbeitgeber oder das Vorgesetzty schimpfen oder fahrlässig Betriebsinterna verraten.

Und vor allem, weil ihre unterschiedliche Lebensdomäne und die dazugehörigen Personas regelmäßig kollidieren. Das Beobachty (als z. B. Arbeitgeber oder Geschäftspartny) fühlt sich dann unter Druck gesetzt, darauf zu reagieren und Position zu beziehen. Denn es gilt: Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß!

Dieses Dilemma können Sie fast täglich in den Medien nachlesen: Ein Instagram-Influency arbeitet erfolgreich mit einem werbenden Unternehmen zusammen. Dann nimmt es an ein Trash-TV-Format teil. Unter Stress offenbart es eine private Persona von sich, die der öffentlichen (Business-) Persona widerspricht. Es wird gemutmaßt, dass das Influency hier sein “wahres” Gesicht gezeigt hat. Eine Empörungswelle wird losgetreten. Das Unternehmen versucht es zunächst auszublenden, aber die Empörungswelle ebbt nicht ab und richtet sich nunmehr gegen das werbende Unternehmen. Es wird zum Boykott der Produkte des Unternehmens aufgerufen. Das Unternehmen gibt dem Druck nach und beendet die Kooperation mit dem Influency.

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Wir unterstützen Sie gerne dabei,

  • die verschiedenen Kommunikations-Schnittstellen zur Außenwelt bewusst wahrzunehmen,
  • eine Kommunikations-Strategie wie aus einem Guss zu entwerfen und die Dos and Don’t in einer Social Media Richtlinie festzuhalten und
  • zur Umsetzung die gegenseitigen Erwartungen, hierarchisch und operativ, einvernehmlich zu klären und festzulegen.

Es steht außer Frage, dass der öffentliche Auftritt Ihrer Mitarbeitys Einfluss auf die Außenwahrnehmung Ihres Unternehmens hat.

Er kann für ein charmantes und menschliches Bild des Unternehmens in der öffentlichen Wahrnehmung sorgen …,

… aber auch eine weitreichende Empörungswelle lostreten.

Nehmen wir das plakative Beispiel von oben: Ein Ausländy, das das Dienstleisty beauftragt, weiß eben nicht, dass es ein mutmaßliches Rassisty beauftragt. Postet es hingegen regelmäßig Texte mit rassistischem Inhalt, die das Ausländy mitbekommt, kommt definitiv kein Auftrag zustande.

Nicht nur von diesem Kundy, sondern auch von allen anderen, die sich angegangen fühlen und auch kein Auftrag von ihren Sympathisantys. Nicht nur an diese eine Fachkraft des Dienstleisty-Unternehmens, sondern tendenziell auch kein Auftrag an irgendeine andere Fachkraft des Unternehmens.

Mögliche Konsequenzen für Ihren persönlichen Social Media-Auftritt

Nehmen wir an, Sie nehmen Ihren Social Media-Auftritt primär als „privat“ wahr. Sei es, um von Zeit zu Zeit ein inspirierendes Pläuschchen mit unbekannten Menschen zu führen, sich mit Gleichgesinnten über ihre Sorgen zu politischen und gesellschaftlichen Themen auszutauschen oder um aufheiternde Katzenvideos anzuschauen.

Die einzige Empfehlung, die ich in diesem Fall für Sie als Individuum aussprechen möchte: Lassen Sie ihr Geschäftsleben gänzlich außen vor. Machen Sie auch keine Angaben über Ihren aktuellen oder vergangenen Arbeitgeber.

Wenn Sie Ihren Social Media-Auftritt primär als „geschäftlich“ wahrnehmen, können nur Sie selbst wissen, welche Persona Sie als angemessen empfinden und welche Vermengungen Ihrer unterschiedlichen Lebensdomäne Sie bewusst zulassen wollen.

Selbstständige: Das Privatleben als Marketinginstrument

Denn das ist zweifelsfrei Ansichtssache. Hauptsache Sie berücksichtigen die möglichen Konsequenzen Ihrer Entscheidung. Dieser Beitrag sensibilisiert Sie hoffentlich ein wenig dafür. Meine Sicht plakativ verdeutlicht am Beispiel von zwei Selbstständigen:

Als Tierschützy, das Katzen rettet und vermittelt, können Sie ein Katzenvideo von sich privat Zuhause posten. Sie können eine intime Story im Kontext einer Katzenrettung einsetzen. Das alles sind Marketingtools, die Ihre Business-Persona ggf. gut gebrauchen kann.

Ihre privaten Strandbilder gehören jedoch nicht zu Ihrem Business.

Als Fitness-Coachy können Sie Ihre eigenen Strandbilder posten, um für Ihre Dienstleistung zu werben. Das ist ein Blick in Ihre private Lebensdomäne und ist ggf. verkaufsfördernd.

Sie können berichten, welche emotionalen und körperlichen Probleme Sie selbst damals als übergewichtige Person hatten. Das ist ein intimer Blick in Ihre private Lebensdomäne und ist ggf. verkaufsfördernd.

  • In diesem Zusammenhang sei erwähnt: Ein Großteil der intimen Geschichten werden heutzutage als eine „Heldenreise“ dargeboten. Das ist ein amerikanisches Marketingkonzept (“Storytelling”), das verstärkt auch den Weg zu uns gefunden hat.

Ein Katzenvideo zu posten, hat jedoch nichts mit Ihrem Business zu tun.

Sie als Selbstständigy, und nur Sie, bestimmen, wie weit Sie in Ihren Marketingaktivitäten gehen wollen, um Ihr Produkt zu bewerben. Dschungelcamp und Big Brother inklusive. Das alles ist nämlich Ihre eigene Wahrnehmung Ihrer Business-Persona.

Ich erlebe aber auch eine signifikante Anzahl von Menschen, die öffentlich höchst intime Geschichten über sich preisgeben, ohne dass ich als Leser einen Bezug zu deren Business erkennen kann. Es fehlen dafür die notwendigen Kontextinformationen. Meine persönliche Meinung dazu:

Wenn Sie dazu gehören und kein Problem damit haben, während einer Bahnfahrt aufzustehen, um diese Geschichte den Mitreisendys in Ihrem Großraumwagen laut vorzutragen, dann spricht auch nichts dagegen, dass Sie sie auf Social Media öffentlich vortragen.

Ich persönlich käme nicht im Traum auf die Idee. Ich würde diese Geschichte an namentlich identifizierte Kontakte richten, mit denen ich diese Information bewusst teilen will. Was meinen eigenen Auftritt als Selbstständiger betrifft:

Meine eigene Persona auf Social Media

Auf Social Media bemühe ich mich, öffentlich konsequent mit meiner Business-Persona aufzutreten. Themen aus anderen Lebensdomäne (Familie, Tanz, Sport, Gesundheit) setze ich höchst selten verkaufsfördernd ein. Diese verlagere ich gerne auf entsprechende geschlossene Gruppen, die auf fast allen Social Media-Plattformen gefunden werden können.

Es fällt mir schwer, aber ich bemühe mich, sparsam Humor fremden Menschen gegenüber einzusetzen. Denn das Konzept von Humor ist eine sehr komplexe und höchst subjektive Angelegenheit. Missverständnisse sind an der Tagesordnung. Ganz besonders auf Social Media, wo visuelle und akustische Orientierungsmerkmale fehlen.

Im geschäftlichen Kontext ist das Zauberwort für mich „Professionalität“. Ob auf Social Media oder offline, ich strebe stets danach, mich professionell zu verhalten. Das ist ein unverzichtbarer Bestandteil meiner Business-Persona.

Da ich das Konzept in vielen meiner Kundenprojekte thematisiere, weiß ich: Einer der wichtigsten Bestandteile, die dazu beitragen, als eine solche Person wahrgenommen zu werden, sind unsere Kommunikationsfähigkeiten und vor allem unsere Streitkultur. Besonders auf Social Media!

Streitkultur kann man lernen und üben

Ein Aspekt dabei ist z. B. die Fähigkeit, besonnen auf übergriffige, unfaire oder emotionale Angriffe von außen reagieren zu können, anstatt (passiv-)aggressiv „abzugehen“.

Um dieses Ziel zu erreichen, müssen Sie sich mit den Fallstricken der eigenen Persönlichkeit und ihr Einfluss auf Ihr Kommunikationsmuster befassen. Dieser Weg mag Ihnen als anstrengend erscheinen, aber er lohnt sich definitiv.

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In den Online-Kursen meines „Paketangebots Persönlichkeitsentwicklung“ befassen Sie sich mit den Fallstricken der eigenen Persönlichkeit und ihr Einfluss auf Ihr Kommunikationsmuster.

Ein zweiter wichtiger Aspekt dabei ist, sich die Zeit zu nehmen,

  1. die Prämissen Ihres eigenen Arguments sich bewusst zu machen,
  2. kritisch zu hinterfragen und
  3. als Kontextinformationen Ihren Lesys zur Verfügung zu stellen. Wie Sie selbst hier erleben können, das macht den Text zwangsläufig länger.

Dadurch erhöhen Sie aber die Chance, dass Sie richtig verstanden werden und als eine Person wahrgenommen werden, die gut und logisch argumentiert – ohne Einsatz von rhetorischen Stilmitteln oder eines „Tschakka“-Auftritts.

Abgedroschene Marketingphrasen, Klickköder-Titel, 30-Sekunden-Präsentationen, Zeichenbegrenzung bei Texteingabe auf Social Media: Der Zeitgeist im Allgemeinen und Social Media-Spielregeln im Besonderen machen es einem wirklich nicht leicht.

Fazit:

Offline oder online, ich glaube nicht, dass es für Sie gut ausgeht, unterschiedliche Personas zu vermengen.

Aber das ist auch gar nicht notwendig, denn auch Ihre Business-Persona ist nicht starr, sondern weist eine komfortable Bandbreite aus, die Ihnen die situative Integration der Bedürfnisse aus anderen Lebensdomänen ermöglicht.

Sie brauchen sich dafür nur am realen Leben zu orientieren und die Dos and Don’ts werden m. E. auf Anhieb klar. Der entscheidende Punkt dabei ist: Da viele unbekannte Menschen mitlesen, brauchen diese Kontextinformationen von Ihnen, um die Situation für sich einordnen zu können. Diese finden sie in erster Linie in den hinterlegten Informationen Ihres Profils. Aber auch durch Rückschlüsse aufgrund der Themen Ihrer Beiträge.

Gehen Ihre Kontakte auf Xing/LinkedIn primär ihren geschäftlichen Aktivitäten nach, dann ordnen diese Sie dieser Lebensdomäne zu.

  • Posten Sie zwischendurch öffentlich das besagte Katzenvideo, dann ist die Chance riesig, dass einige Kontakte diesen Beitrag als Spam in ihren Feeds wahrnehmen.

Wollen Sie Xing/LinkedIn primär privat nutzen, dann empfehle ich, diese Kontextinformation in Ihrem Profil klar zur Verfügung stellen: „Max Mustermann (hier als Privatperson)“. Ihre Kontakte ordnen Sie dann dieser Lebensdomäne zu.

  • Sie können posten, worüber Sie wollen. Sie können dabei so viel über Ihre private Persona öffentlich preisgeben, wie Sie für angebracht halten. Wenn Ihre Nachbarys und Freundys sich deswegen von Ihnen abwenden, dann werden Sie halt mit leben müssen.

Autor:

eBooks, Hörbücher, Podcasts:

Titelbilder der beiden eBooks bei bookboon.com
→ bookboon.com

2 Kommentare zu „Sind wir durch Social Media überfordert?“

  1. Ein wirklich sehr guter Beitrag der unterschiedliche Blickwinkel aufzeigt und zum Nachdenken anregt sowie bewusst macht, wie komplex das Thema Social Media Auftritt eigentlich ist.

    Die virtuelle Welt vermittelt uns paradoxerweise einen privaten Raum, weil wir uns anonym fühlen.
    Ein Ort wo wir keine visuelle und akustische Sofortreaktion vom Gegenüber wahrnehmen können, die anhand von Mimik und Gestik erkennen läßt das es evtl. unpassend ist was wir gerade von uns geben – quasi das Ur-Warnsignal ist ausgeschaltet.

    In der Wildnis ist eine Persona überlebensrettend und nützlich gewesen, Tiere plustern sich auf oder reißen das Maul weit auf um größer zu erscheinen und nicht gefressen zu werden. Doch in der virtuellen Welt wird den Menschen das genau oft zum Verhängnis.

    Die neue Welt des Social Media will bewusst gelernt sein, ansonsten wird man leicht gefressen ;)

    Danke und liebe Grüße

  2. Sylvia Kloetzel

    Ja! Vor allem dann, wenn wir unsere unterschiedlichen Personas nicht strikt trennen und uns nicht bewusst ist, dass andere in unterschiedlichen Rollen uns hier lesen. Beispiel: ich trete als Unternehmer auf, werde aber von meinen Freunden gelesen oder ich trete als Privatmensch auf werde aber von meinem Arbeitgeber gelesen. Schwierige Situation sind unvermeidbar. Und muss das alles nur bewusst sein. Danke an Kourosh, der das so gut und beispielhaft schildert !

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